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Ärzte gesucht : Notruf nach dem Arzt um die Ecke

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Durchschnittsalter 58,7 Jahre: In Rendsburg und Büdelsdorf nähert sich die Hälfte der niedergelassenen Allgemeinmediziner dem Ruhestand

Mediziner wollen nicht in die Provinz, sie bevorzugen die Stadt. Heißt es. Das ist richtig und falsch. Tatsächlich müssen viele Patienten im Kreisgebiet schon jetzt weit fahren, um zu ihrem Hausarzt zu gelangen. Doch das Problem geht längst tiefer. Auch in dicht bewohnten Gebieten zeichnet sich ein akuter Ärztemangel ab. Das belegen neue Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), die am Montag (17 Uhr, Altes Rathaus) Thema im Sozialausschuss sind.

Demnach sind 55 Prozent aller niedergelassenen Allgemeinärzte in Rendsburg und Büdelsdorf älter als 60 Jahre (Stichtag: 28. August). Das Durchschnittsalter beträgt 58,7 Jahre. Mit diesen Werten liegen die Nachbarstädte klar über dem Landesdurchschnitt. Im gesamten Schleswig-Holstein beträgt das Durchschnittsalter 54,5 Jahre, und nur ein knappes Drittel aller Hausärzte (32,4 Prozent) hat bereits die 60-Jahre-Grenze überschritten.

Die Alterspyramide steht Kopf. Fehlender Nachwuchs gefährdet die medizinische Grundversorgung. Seit Jahren warnen Ärzteverbände davor. Doch statt einer Verbesserung wird die Situation immer schlimmer. Lautester Mahner in Rendsburg ist Hausarzt Dr. Wolfgang Reinke. Seit 1977 praktiziert der Mitt-Sechziger ganz oben Ostlandhaus. Die aktuellen KV-Daten sind für ihn Anlass, einen Notruf an die Lokalpolitik zu senden. Dass es schlecht stehe um die Altersstruktur der Hausärzte in Rendsburg, habe man ja gewusst. „Mit diesen Zahlen aber haben wir nicht gerechnet“, sagt Reinke, Sprecher der Medizinischen Qualitätsgemeinschaft Rendsburg (MQR), einem Verbund von 50 Ärzten in der Region. „Das System wird kollabieren, wenn nicht endlich gegengesteuert wird. Und wenn nichts geschieht, werden auch die restlichen Ärzte versuchen, sich zu verabschieden.“

Ein ausgedünntes Praxisnetz stelle nämlich nicht nur die betroffenen Patienten vor Probleme, so Reinke. Schließt eine Praxis, macht auch die Apotheke nebenan dicht. Außerdem habe der Ärztemangel Auswirkungen auf die Krankenhäuser, in diesem Fall die Imland-Klinik. „Es wird in Zukunft noch mehr Einweisungen geben, weil die Diagnostik in den Hausarztpraxen nicht mehr zu leisten ist.“ Der Allgemeinarzt bewältigt schon jetzt an manchen Vormittagen fast 100 Patientenkontakte. Und in den Krankenhäusern sei die Sitation wegen vieler unbesetzter Stellen nicht besser. „Wir verstopfen die Kliniken ambulant und stationär“, so Reinke. Das werfe nicht nur aus medizinischer Sicht Fragen auf, da junge Kollegen ohne Erfahrung immer mehr Fälle in kurzer Zeit zu bewältigen hätten, so der Doktor. „Eine Behandlung im Krankenhaus ist auch teurer als in einer Hausarztpraxis.“

Für die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein liegt das Problem nach wie vor „wohl eher in ländlichen Regionen“, so Sprecher Marco Dethlefsen. Akuten Handlungsbedarf sieht man an Eider und Kanal nicht. „Rendsburg und Büdelsdorf gehören zum sogenannten Mittelbereich Rendsburg. Der Versorgungsgrad durch Hausärzte liegt dort bei 116,8 Prozent und damit über der 110-Prozent-Grenze, die Planungsbereiche für zusätzliche Niederlassungen sperrt.“

Von zusätzlichen Standorten ist in Rendsburg allerdings gar nicht die Rede. Bei der MQR wäre man schon froh, wenn vorhandene Praxen nicht schließen müssten, weil sich kein Nachfolger findet. Wie zuletzt geschehen in der Flensburger Straße. Bei der KV verweist man auf ein ganzes Paket an Maßnahmen, die ergriffen wurden, um dem Ärztemangel entgegenzuwirken. Diese reichen von der Kampagne „Land.Arzt.Leben!“ (www.landarztleben.de), mit der junge Ärztinnen und Ärzte für eine Niederlassung begeistert werden sollen, über finanzielle Förderungen von Medizinstudenten und Ärzten in Weiterbildung bis hin zur Einrichtung eines Strukturfonds für die landärztliche Versorgung. Letztendlich, so Sprecher Dethlefsen, seien der Kassenärztlichen Vereingung Grenzen gesetzt. „Wir als KV haben den Sicherstellungsauftrag. Den können wir aber nur erfüllen, wenn wir die entsprechende Zahl an Ärzten zur Verfügung haben.“ Mit anderen Worten: Man kann keinen zwingen, in Rendsburg zu praktizieren.

 

 

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erstellt am 21.Sep.2013 | 06:15 Uhr

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