Neue Regel : Notdienst mit Nebenwirkungen

Übersicht: Bernhard Klauder vor dem Aushang an seiner Apotheke mit den Angaben über die Anlaufstellen im Notfall.
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Übersicht: Bernhard Klauder vor dem Aushang an seiner Apotheke mit den Angaben über die Anlaufstellen im Notfall.

Wer in Rendsburg krank wird, brauchte bisher keinen weiten Weg einzuplanen. Eine Apotheke hatte mindestens Notdienst. Das hat sich geändert. Nach neuen Regeln müssen Fahrten bis zu 16 Kilometern in Kauf genommen werden.

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09. Januar 2015, 12:00 Uhr

RENDSBURG

Die Mutter hat sich den Finger am heißen Backofen verbrannt. Eine Salbe könnte den Schmerz lindern. Doch die Suche im Medizinschränkchen bleibt erfolglos. Also führt der Weg in die nächste Apotheke. Wenn der Unfall in der Küche allerdings morgen am Sonntag und in Rendsburg passieren sollte, muss die Frau mobil sein und eine Strecke von 15    Kilometern einplanen. Denn erstmals seit über 40 Jahren sind an diesem Wochenende in der Stadt sämtliche Apotheken geschlossen. Brandsalbe, Schmerztabletten oder Hustensaft sind erst in Elsdorf-Westermühlen erhältlich. Zur Auswahl stehen außerdem noch Pharmazeuten in Kropp, Gettorf und Schleswig, die morgen ihre Geschäfte geöffnet haben.

„Bisher hatte an den Wochenenden mindestens eine Apotheke in Rendsburg Notdienst“, sagt Kreisapotheker Bernhard Klauder. Es habe ein bewährtes, lokales System für die Verteilung der Notdienste gegeben, das gemeinsam mit den Kollegen im Kreis jährlich festgelegt worden sei. „Wir haben darauf geachtet, dass vom Zentrum Rendsburgs aus im Umkreis von fünf Kilometern eine Apotheke zu erreichen war.“ Diese Regelung habe bestens funktioniert. „Es waren immer alle zufrieden.“ Doch der Inhaber der „Sonnen-Apotheke und die Kunden müssen umdenken. Seit dem Jahreswechsel gilt eine Neuordnung der Notdienste.

Die landesweite Reform ist ein Projekt der Apothekenkammer Schleswig-Holstein. Ein EDV-Programm koordiniert künftig die Nacht- und Notdienste. Ab sofort wird zentral bestimmt, welche der rund 700 Apotheken im Land an welchem Tag Notdienst hat. Eine Computersoftware soll anhand der Geo-Daten der Apotheken eine optimale Verteilung garantieren. Neu ist auch, dass alle Apotheken einen 24-Stunden-Notdienst machen müssen. Bisher hatten auf dem Land viele ihre Arbeit um 21 oder 22 Uhr beendet. Das dürfen sie nun nicht mehr. Bei dem alten System kam es außerdem vor, dass einige Apotheken sehr häufig im Einsatz waren, während andere gar nicht ran mussten.

In der Neuregelung ist auch festgelegt, wie weit die Patienten maximal bis zur nächsten Notdienst-Apotheke fahren sollen. Wer in einem kleinen Dorf mit weniger als 5000 Einwohnern lebt, dem mutet die Apothekenkammer einen Weg von bis zu 38 Kilometern zu, den Bewohnern von mittelgroßen Städten (20 000 bis 70 000 Einwohner), wie zum Beispiel Rendsburg, eine Strecke von maximal 16 Kilometern. „In den ländlichen Gebieten des Kreises ist die Bevölkerung schon eher daran gewöhnt, mobil sein zu müssen“, meint Bernhard Klauder. Für diese Kunden sei die Umstellung nicht so dramatisch. Die Änderung für die Kreisstadt Rendsburg bereite ihm dagegen schon eher Bauchschmerzen.

„Ausnahmen müssten möglich sein“, plädiert Klauder für eine Korrektur des neuen Systems. Man könne Rendsburg nicht isoliert betrachten und nur nach der Einwohnerzahl bewerten. Das Einzugsgebiet der „Hauptstadt des Kreises“ sei groß. In Rendsburg befinden sich zudem das Krankenhaus und die Anlaufpraxis. „Da werden natürlich viel mehr Rezepte verordnet als in einer kleinen Gemeinde.“ Da sei es sinnvoll, dass der Patient nicht noch weitere Kilometer fahren muss, um seine Medikamente zu bekommen.

Nach den jahrzehntelangen Erfahrungen des Kreisapothekers nutzen durchschnittlich 150 bis 200 Kunden den Notdienst. Diese Zahl sei vergleichbar mit dem Zulauf an Werktagen in einer wirtschaftlich arbeitenden Apotheke. Die Gründe, warum die Menschen Hilfe brauchen, seien sehr unterschiedlich. Rund die Hälfte der Patienten lösen nach einem akuten Notfall ein Rezept ein – meistens für Antibiotika oder verschreibungspflichtige Schmerzmittel. Der übrige Teil der Kundschaft verlange zum Beispiel nach Mittel gegen Durchfall oder nach Pflaster. Es kann aber auch passieren, dass Bernhard Klauder auf seinem Schlafsofa im hinteren Bereich der Apotheke nachts gegen 24 Uhr von der Notdienstklingel geweckt wird, weil ein Kunde dringend eine Packung Kondome kaufen will.

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