Würdigung aberkannt : Nordkolleg verbannt Ex-Minister

Schnelle Entscheidung: Nordkolleg-Leiter Guido Froese ließ alle Schriftzüge mit dem Namen von Hermann Böhrnsen (kleines Foto) sofort nach der Sitzung des Aufsichtsrates entfernen oder zukleben.   Foto: org/dpa
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Schnelle Entscheidung: Nordkolleg-Leiter Guido Froese ließ alle Schriftzüge mit dem Namen von Hermann Böhrnsen (kleines Foto) sofort nach der Sitzung des Aufsichtsrates entfernen oder zukleben. Foto: org/dpa

Der einstige Wirtschaftsminister Hermann Böhrnsen war maßgeblich an der Bücherverbrennung auf dem Paradeplatz beteiligt

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08. Juni 2013, 09:03 Uhr

Rendsburg | Plötzlich ging alles ganz schnell: Gestern Vormittag wurden im Rendsburger Nordkolleg alle Hinweise auf Hermann Böhrnsen getilgt. Für seine Verdienste um die damalige Heimvolkshochschule war 1976 - kurz nach seinem Tod - ein Haus in der Bildungseinrichtung nach dem ehemaligen Wirtschaftsminister des Landes Schleswig-Holstein (1952 - 1967) benannt worden. Vor knapp zwei Wochen stellte sich heraus, dass Böhrnsen als Geschäftsführer der "Kampfgruppe für deutsche Kultur" eine der treibenden Kräfte für die Bücherverbrennung am 9. Oktober 1933 auf dem Paradeplatz gewesen war. Die Reaktion folgte prompt und einstimmig.

Der Aufsichtsrat des Nordkolleg beschloss eine Umbenennung des Hauses. Einen neuen Namen gibt es noch nicht, der Name Böhrnsen aber ist sowohl vom Gebäude als auch im Internet verbannt worden. "Eine auch nur irgendwie geartete Verbindung mit den Initiatoren der Bücherverbrennung ist für das Nordkolleg nicht akzeptabel", sagte die Aufsichtsrats-Vorsitzende Marion Herdan.

Bereits 2008 hatte die Rendsburger Stadtarchivarin Dr. Regina-Maria Becker einen Aufsatz über die Bücherverbrennung in Rendsburg verfasst. In einer Fußnote wird der "Rendsburger Tischlermeister Böhrnsen" als Geschäftsführer des "Kampfbundes für deutsche Kultur" genannt. Diese Vereinigung habe eindeutig die Verantwortung für die Organisation der Bücherverbrennung in Rendsburg getragen. Über Böhrnsen selbst sei protokolliert, dass er mit dem Landesobmann Friedrich Knolle eine Razzia bei der Leihbücherei Krohn in der Schleuskuhle vorgenommen habe. Dabei wurden 20 Bücher "schlimmster Sorte" beschlagnahmt.

Die Bücherverbrennung selbst geschah auf dem Paradeplatz unter Beteiligung von SS, SA, Hitlerjugend und einer großen Menge Schaulustiger. Die Symbolkraft der Veranstaltung wird durch eine Tatsache deutlich, die Edward Hoop in seiner "Geschichte der Stadt Rendsburg" beschrieb: Ein SA-Führer entlieh gegen Empfangsbestätigung aus dem Museum eine Feuergabel, die im Mittelalter zum Schüren des Scheiterhaufens bei Hexenverbrennungen benutzt worden war. Die Rolle von Hermann Böhrnsen bei der Bücherverbrennung selbst ist nicht detailliert beschrieben.

Dass es sich bei dem Geschäftsführer des Kampfbundes für deutschen Kultur und dem einstigen Wirtschaftsminister um ein und dieselbe Person handelt, wurde nur durch einen Zufall öffentlich: Bei der Vorbereitung eines Projektes über die Bücherverbrennungen las Guido Froese, der Leiter des Nordkollegs, den Beitrag von Regina-Maria Becker in dem neu erschienenen Band "Orte der Bücherverbrennung in Schleswig-Holstein" - und stolperte über den Namen Böhrnsen. Seine Recherchen bestätigten den Verdacht: Der Namensgeber für das Haus in der international renommierten Bildungseinrichtung am Kanal war 1933 zumindest Mitinitiator der Bücherverbrennung in Rendsburg.

"Wir sind als Akademie für kulturelle Bildung mit einem Fachbereich Literatur freiheitlichen und humanistischen Idealen verpflichtet", sagte Froese. "Ich freue mich, dass der Aufsichtsrat diese Entscheidung schnell und eindeutig getroffen hat."

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