Büdelsdorf : NordArt: Von Bulldoggen und der Bürokratie

Im Namen des Vaters: Publikumspreis-Trägerin Jovanka Stanojevic vor dem Porträt ihres alten Herrn.
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Im Namen des Vaters: Publikumspreis-Trägerin Jovanka Stanojevic vor dem Porträt ihres alten Herrn.

NordArt in der Carlshütte in Büdelsdorf: Die Künstler loben die Offenheit und Internationalität der Ausstellung.

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15. Juni 2014, 12:15 Uhr

Man weiß auf den ersten Blick nicht, ob man ihn knuddeln oder sich lieber vorsichtig aus dem Staub machen sollte. „Winston“, eine sechs Meter lange Bulldogge aus Bronze, bewacht den Eingang des russischen Pavillons. Russland ist der Länderschwerpunkt auf der NordArt. Die internationale Kunstausstellung beginnt am heutigen Sonnabend.

Als vor einem Jahr Russland als Schwerpunkt gewählt worden war, waren die politischen Spannungen noch nicht abzusehen. Inga Aru, Pressesprecherin, stellt sogleich klar: Ein Boykott war kein Thema. Vielmehr hofft sie, dass die Ausstellung einen positiven Einfluss auf die Politik nimmt. „Wir machen Kunst. Es geht um die Künstler, nicht um Politik.“ Diese Aussage passt in den Geist der NordArt. Egal, mit welchem Künstler man spricht: Alle schätzen die Internationalität und die Offenheit der Ausstellung und der teilnehmenden Künstler. Von Schubladendenken keine Spur.

Dieses besondere Gefühl, ein Teil der NordArt zu sein, betont die Malerin Jovanka Stanojevic. Sie kommt gern nach Rendsburg: „Wir sind wie eine große Familie. Alle leben für die Kunst. Das kann man auf der NordArt fühlen.“ Für die Serbin ist das Zusammentreffen der Künstler Motivation und Inspiration: „Meine beste Arbeit habe ich wegen der NordArt gemacht.“ Damit meint sie ein ganz persönliches Werk. Eine besondere Geschichte verbirgt sich nämlich hinter dem ausgestellten Porträt. Stanojevic gewann im vergangenen Jahr den Publikumspreis für zwei Porträts ihrer Mutter. In diesem Jahr hat sie ihren Vater mitgebracht – natürlich als Bild. „Ich wollte meinen Vater schon immer malen, aber er weigerte sich.“ Als seine Tochter dann mit den Porträts seiner Ehefrau gewann, ärgerte ihn das. „Am Ende sagte er: ‚Okay, mal mich – aber größer und besser‘ “, erzählt Stanojevic. Bis zu 20 Stunden täglich arbeitete sie über sechs Monate an ihrem Gemälde, das aus Papier, Holz, Band und sogar Sonnenblumenkernen besteht. Die Künstlerin liebt es, mit verschiedenen Materialien zu arbeiten: „Das macht das Werk lebendiger.“

Eine weitere Publikumspreisträgerin 2013 bringt unterdessen ihre Installation „Cosmos Fractal“ auf Vordermann. Soon Mi Oh aus Korea putzt und poliert die sechs mit Kreisen und Quadraten beklebten Spiegelwände, um sie für den Besucheransturm am Sonnabend schick zu machen. Ihr Kunstwerk soll den Übergang von der realen in die fiktive Welt symbolisieren. Sie möchte mit ihrer Installation die Harmonie des Universums zeigen. Und dazu gehören für die Koreanerin die NordArt-Besucher, die eingeladen sind, sich ihr Werk ganz genau anzugucken. „Meine Installation ist nur vollständig, wenn Menschen drin stehen und inspiriert werden, sich Gedanken über das Leben zu machen.“ Das Leben spielt eine entscheidende Rolle für Soon Mi Oh: Es ist Quelle und Inspiration für ihre Arbeiten. Außerdem ist es ihre Art der Kommunikation. „Mit anderen Menschen zu sprechen, fällt mir schwer. Ich lasse lieber meine Kunst für mich sprechen und trete so mit den Menschen in Kontakt.“ Dass das funktioniert, zeigt ihre Video-Installation „Mirror Masks“. Gegenüberliegende Spiegelwände, in denen sich neonfarbene Masken spiegeln, sollen den Besuchern die Existenz im Raum näher bringen.

Um einen Raum geht es auch bei der interaktiven Installation „BureauCrazy“ von Tobias Zaft. Wie der Name verrät, ist ein Büro dabei der Mittelpunkt. Darüber laufen Papierbahnen mit insgesamt zehn Kilometer Länge. Alle sechs Minuten laufen sie durch einen Reißwolf. „Nach und nach lösen sich die Bahnen auf und der Raum läuft komplett mit Papier voll. Es ist wie ein Geschwür, das sich breit macht.“ Damit ist die deutsche Bürokratie gemeint. Der Künstler lebte und arbeitete sechs Jahre lang in China. Nach seiner Rückkehr bemerkte er schnell: „Ich muss mein eigenes Land kennen lernen. Die bürokratischen Schritte sind schwer.“ Nach dem Kauf eines Bleistifts müsse man sich lange hinsetzen, um für das Finanzamt alles haargenau aufzuschreiben. Sein Konzept sei woanders in Deutschland zwar bereits abgelehnt worden. Aber das lässt Zaft nicht resignieren: Auf der NordArt, wo Grenzen durchbrochen und nicht aufgebaut werden, baut er nun seit zwei Wochen sein „Büro gegen die Bürokratie“ auf. „Es bestärkt mich, weiter zu machen. Kunst entsteht und kann nicht aufgehalten werden.“ Und das ist genau der Geist der NordArt.

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