Nomadenleben in kasachischer Steppe

Bodenhöhe 1,35 Meter: Sylvia und Eckhart Harm vor ihrem Wohnmobil.
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Bodenhöhe 1,35 Meter: Sylvia und Eckhart Harm vor ihrem Wohnmobil.

Sylvia und Eckhart Harm aus Timmaspe sind mit einem selbst umgebauten Feuerwehrwagen auf einer monatelangen Rundreise durch Eurasien

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05. September 2012, 07:43 Uhr

Timmaspe/Altai | Die Sonne brennt, feiner Sand fegt über die holprigen Straßen hinweg und legt sich über die Kleidung von Sylvia und Eckhart Harm. "Wenn es keine Ablenkung mehr gibt, dann sieht man nur sich selbst - und das recht ungefiltert", fasst Eckhart die Stimmung an einem Abend in den Weiten der kasachischen Steppe zusammen. Anfang Mai waren die beiden Timmasper, nach jahrelangen Vorbereitungen, zu einer Rundtour durch Polen, die Ukraine, Russland, Usbekistan und Kasachstan aufgebrochen. Ihr Zuhause ist seitdem ein zum Wohnmobil umgebauter Feuerwehrwagen. Nach rund 9500 Reise-Kilometern schlägt das Ehepaar sein Sommerlager nun im Altai Gebirge im Osten Kasachstans auf. Die Rückreise ist nach erzwungenen Routenänderungen für Ende September geplant. Ihre Erlebnisse und Gefühlslagen dokumentieren die Norddeutschen regelmäßig in einem Online-Tagebuch.

"Gran Hermano" nennen Sylvia und Eckhart Harm ihren vierrädrigen Reisebegleiter liebevoll - Großer Bruder. Dem Namen wird der 6,9 Tonnen schwere Koloss (vollgetankt) allemal gerecht. 50 Jahre hat das Fahrzeug bereits auf dem Buckel. Rund zehn Jahre lang dauerten die Vorbereitungen des Ehepaars an. Nach dem Kauf des Wagens tauschte Eckhart Harm zunächst den alten Kofferaufbau gegen einen neuen aus Aluminium, der den beiden rund zehn Quadratmeter Wohnfläche bietet. Es folgten Arbeiten am Fahrgestell, der Anbau von Solarzellen, Wassertanks und vier zusätzlicher Dieseltanks sowie der Anschluss eines Ofens im Innenraum. Noch bis kurz vor der Abreise hatten die Timmasper mit Kleinarbeiten zu tun. Dann endlich rollte der "Gran Hermano" am 10. Mai bei strömendem Regen von der heimischen Auffahrt herunter und über Polen, die Ukraine, Russland und Usbekistan bis hin zum östlichen Ende Kasachstans, nahe der chinesischen Grenze. Eine Strecke, auf der die beiden Timmasper Eindrücke sammelten, die unvergessen bleiben werden: Unwirkliche Landschaften, die sich mit beeindruckenden Naturschauspielen abwechseln, Staubstürme, die Gastfreundlichkeit der Menschen, fremde Sitten und fremdes Essen. Ein Nomadenleben, das wohl all die Strapazen und schlaflosen Nächte vor der Abfahrt vergessen macht.

Nur einen Teil der Vorbereitungen machte damals der Umbau des "Gran Hermano" aus. Es gibt Vieles zu beachten vor so einer Tour: Routen planen, Haus vermieten, Visa einholen und vor allem irgendwie an Geld kommen. Einfallsreichtum stellten die Harms bei der Finanzierung ihres Reise unter Beweis: Nach gescheiterten Bewerbungen bei "Wer wird Millionär" sorgte der Internethandel mit Motorradteilen für das notwendige Polster. Auch die Eurokrise berücksichtigen sie: Einen Teil ihres Ersparten legte das Paar in australische Dollar an.

Trotz aller Vorbereitungen: Eine solche Reise mit riesigen Entfernungen lässt sich nicht bis ins Detail planen. Das mussten auch die Abenteurer aus Timmaspe häufiger feststellen: Ihren ursprünglichen Plan - über China nach Indien zu fahren - warfen sie bald über den Haufen. Denn die China-Einreise mit einem bereits gebuchten, staatlich geprüften Fremdenführer wurde ihnen untersagt, Tibet ist für Besucher geschlossen. Auch die Schwierigkeit unterwegs an Visa zu gelangen, hatten die Harms unterschätzt. Die beiden änderten deshalb mehrmals ihre Reiseroute: Bis Ende September bleiben sie nun noch im Altai Gebirge. An der Grenze zu China werden sie wenden, um noch vor Wintereinbruch Sibirien zu durchqueren und gen Westen zu fahren. In ihre norddeutsche Heimat kehren sie damit früher als geplant zurück. Aber "der Weg bleibt das Ziel", verkündet Eckhart Harms im Internet. "Er ist nur kürzer. Doch das ist irrelevant, denn schon auf dem Weg zum Zigarettenautomaten können Dinge passieren, die das Leben für immer verändern."

Weitere Informationen zu Sylvia und Eckhart Harm sowie Reiseberichte und Routeninformationen gibt es im Internet-Blog des Ehepaars unter: www.mercury-nomaden.net.

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