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Rendsburg : Netztechniker üben die Rettung in luftiger Höhe

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Spezialtraining im Rendsburger Klettergarten der SH Netz AG.

Er hängt. Ganz oben. In zwölf Metern Höhe – nur von einem Seil gesichert. Bei Jens Kantereit sitzt der Helm etwas schief auf dem Kopf. „Man braucht immer ein paar Minuten wenn man oben ist, um sich zu orientieren“, sagt der Elektroniker von der Schleswig-Holstein Netz AG. Die trainiert an diesem Tag in dem Klettergarten auf dem Gelände des Unternehmens an der Kieler Straße mit acht Monteuren die Rettung aus der Höhe. „Das ist für alle vorgesehen, die auf eine Freileitung steigen könnten“, sagt Jörg Schubmann, der für die Arbeitssicherheit zuständig ist – und heute am Boden bleibt. Einen Kalauer hat er dafür aber gleich parat: „Das ist die einzige Fortbildung, bei der sich die Kollegen hängen lassen dürfen.“ Die haben für den Spruch aber nur ein mildes Lächeln übrig.

Alle drei Jahre müssen die rund 70 Monteure des Unternehmens zum Training. Seit sieben Jahren gibt es den Klettergarten, vorher haben die Mitarbeiter im Gelände geübt. „Es kommt uns darauf an, dass die Leute ihre Kollegen retten können, falls mal einer einen Schwächeanfall bekommen sollte. Da können wir nicht darauf warten, dass die Höhenrettung der Feuerwehr kommt“, sagt Schubmann. Eile sei geboten, denn schon nach wenigen Minuten beginne das Hängetrauma, das Blut sammelt sich in den Beinen, der Kreislauf kann kollabieren. Solche Fälle habe es bislang nur ganz selten gegeben, sagt Schubmann. „Aber wir müssen das üben, denn gerade, weil das so selten passiert, muss im Ernstfall jeder sicher sein, was er zu tun hat.“

Das weiß auch Jens Kantereit. „Wenn ich oben bin, geht es irgendwann von allein“, sagt der 58-Jährige. Im wirklichen Leben muss der Techniker nur noch in Ausnahmefällen auf einen Mast. „Beim Sturm Christian vor einigen Jahren war ich das letzte Mal oben, musste eine Leitung reparieren.“

Doch von denen gibt es in Schleswig-Holstein immer weniger, denn immer mehr Kabel für Mittel- und Niedrigspannung werden unter die Erde gelegt. Nur noch 2500 Kilometer Freileitung hat die Schleswig-Holstein Netz AG. Die hängen meist an den Zwölf-Meter-Masten, die auch im Klettergarten stehen. „Wenn man die Technik drauf hat, dann ist es eigentlich egal, ob man das in fünf Meter oder in 50 Meter Höhe macht“, sagt Kai Plessner. Der Höhentrainer schult auch Techniker, die auf Hochspannungsmasten klettern. Doch heute sitzt er oben auf dem vergleichsweise kleinen Beton-Mast und überwacht, ob die Monteure alles richtig machen. Jeder Monteur hat sein persönliches Gurtsystem, die Handgriffe sitzen. Nach dem Aufstieg über die Leiter klinken sich die Monteure mit einem großen Karabinerhaken an einem Seil ein, das sie an der Spitze des Mastes befestigt haben. Anschließend hieven sie den Kollegen an, der den Verunfallten mimt – und seilen ihn mit einem Rettungsgerät kontrolliert ab.

Auch Jens Kantereit kommt sicher auf den Boden zurück. Zunächst bleibt er in der Hocke um nach den Minuten am Mast seinen Kreislauf zu stabilisieren. „Am wichtigsten ist es, da oben die Ruhe zu bewahren“, sagt er. Und ein wenig mulmig sei es schon, sich in der Hand des Kollegen zu befinden. „Aber es hat ja alles gut geklappt“, sagt Kantereit. So schnell wird er wohl nicht mehr auf einen Mast steigen müssen. Denn im Kreis Segeberg, wo Kantereit arbeitet, gibt es keine einzige solche Freileitung mehr.

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erstellt am 15.Apr.2016 | 09:54 Uhr

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