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Kanalfahrt statt Kanaren und Kapstadt : "Nein - langweilig ist es hier nie"

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Unterwegs auf der "Freya" mit Kapitän Gerd Engel zwischen Rendsburg und Kiel

shz.de von
erstellt am 18.Mai.2013 | 08:56 Uhr

Rendsburg / Kiel | Der Fahrgast aus der Bundeshauptstadt hat gute Laune. "Achtung junge Frau!", ruft er mit Berliner Zungenschlag hinauf zum Steuerstand. "Sie müssen jetzt den Kopf einziehen." Die Dame, die gerade den Kapitän besucht, versteht erst nicht. "Na - da vorne kommt die Brücke", feixt der Herr. Tatsächlich, fast scheint es, als wären nur wenige Zentimeter Platz zwischen Schiff und der Kanalüberquerung. Kurz bevor die "Freya" die Rader Hochbrücke passiert, drängen sich die Passagiere vorne am Bug. Jeder möchte ein spektakuläres Foto schießen.

Es herrscht reger Verkehr auf dem Kanal. Aber im Gegensatz zu Frachtern und Traumschiffen legen die "Freya" und die "Adler Princess" einen Stopp in Kanalhäfen ein: Sie laufen Kiel, Rendsburg und Brunsbüttel an. Rund drei bis vier Stunden dauert eine Fahrt zwischen Kiel und der Kanalstadt. Nochmal so lange zurück. Im Steuerstand der "Freya" steht ein Mann, der die Weltmeere befahren hat. Gerd Engel war auf Spitzbergen, in Grönland, an der Wolga. Kapstadt und die Kanaren waren seine Destinationen. Und nun Kanalfahrt - immer geradeaus. Wird das nicht langweilig? Der Kapitän ist empört. "Nein! Langweilig ist es hier nie", sagt er. "Immer andere Schiffe, immer andere Wolken, immer andere Vegetation und immer andere Leute."

Engel wuchs in Osterode im Harz auf. Schon früh faszinierte ihn das Meer. "Meine Mutter erzählte immer, dass ich schon mit drei Jahren nicht vom Wasser wegzubekommen war." Mit 14 baute er sein erstes Boot, fuhr damit auf der Weser, sah die dicken Pötte in Bremen und wusste: "Ich will Seemann werden. Ich will die Welt sehen." Damals war das auch noch möglich, die Liegezeiten der Schiffe waren lang genug für einen Landgang. Nach seiner Pensionierung segelte Engel mit der "Sposmoker" um die Welt, wollte ein Jugendprojekt initiieren, erlitt wirtschaftlichen Schiffbruch und strandete im Rendsburger Kreishafen. "Das ist eine traurige Geschichte, die möchte ich nicht aufwärmen", sagt der Seemann aus Leidenschaft. Engel blickt nach vorn.

Momentan blüht der Raps, Schäfchenwolken treideln den babyblauen Himmel entlang, gegenüber vom Herrenhaus Steinwehr grasen Rotbunte Kühe. Gerd Engel kann sich immer noch an dieser Szenerie erfreuen, auch im achten Jahr Kanalfahrt, und greift wiederholt zum Mikrofon, um die Passagiere auf Details aufmerksam zu machen. Kurz vor Rendsburg kreuzen sowohl Autos als auch Eisenbahn den Weg der Schiffe. Da ist zum einen die A 7 von Flensburg nach Füssen, mit 961,6 Kilometern die längste deutsche Autobahn. Kurz darauf kommt dann eine gigantische Stahlkonstruktion in Sicht: "Hier wurde mehr Stahl verbaut als beim Eiffelturm", kommentiert Gerd Engel. Ein Güterzug rattert über den Bau, der in diesem Jahr hundert Jahre alt wird. Und in der Schiffsbegrüßungsanlage erklingt die deutsche Nationalhymne als Willkommen für die "Freya".

Zwischen den Brücken liegt eine Insel, die der Autobahnbrücke ihren Namen gab. Die Rader Insel bekommen nur die wenigsten vom Wasser aus zu sehen. Hier gibt es einen Yachthafen, in dem Segler übernachten können. Denn: Nach Einbruch der Dunkelheit dürfen Sportboote nicht mehr auf dem Kanal unterwegs sein. Der Tipp von Kapitän Engel ist allerdings der Flemhuder See. "Sie zahlen keine Liegegebühren und liegen inmitten der Natur."

"Was hab’ ich für ein schönes Leben gehabt", seufzt er bei dieser Gelegenheit. Seit Alter gibt er mit 69 an. "Glauben Sie das nicht", sagt ein Bekannter des Seemanns. Doch egal: Engel ist noch immer dynamisch, spinnt nach wie vor gerne Seemannsgarn. Insgesamt 17 Bücher hat er geschrieben. Momentan sammelt er Eindrücke für ein weiteres Werk. Dann läuft die "Freya" in die Holtenauer Schleuse ein. Der Kapitän erinnert die Passagiere: "Mein Name ist Engel. Wenn Sie rauchen, komme ich in Teufels Küche." Passiert ist das noch nicht. Und so plant der Kapitän, "zu fahren, so lange der Arzt es erlaubt." Mit immer anderen Passagieren zwischen Kiel und Rendsburg.

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