Nächste Apotheke in Hohn: Die Not mit dem Notdienst

Weite Wege zur nächsten Apotheke: Bis ins 16 Kilometer entfernte Groß Wittensee (jeweils gemessen ab Schiffbrückenplatz) am 1. Februar, Owschlag (15 km) am 3. Februar, Elsdorf-Westermühlen (13 km) am 13. und 25. Februar, Hohn (12 km) am 16. Februar und Jevenstedt (14 km) am 18. Februar muss man fahren, um abends Arzneimittel zu bekommen.
Weite Wege zur nächsten Apotheke: Bis ins 16 Kilometer entfernte Groß Wittensee (jeweils gemessen ab Schiffbrückenplatz) am 1. Februar, Owschlag (15 km) am 3. Februar, Elsdorf-Westermühlen (13 km) am 13. und 25. Februar, Hohn (12 km) am 16. Februar und Jevenstedt (14 km) am 18. Februar muss man fahren, um abends Arzneimittel zu bekommen.

Neues Bereitschafts-Modell sorgt für lange Wege und Proteste / Sorge um Rentner und Alleinstehende

shz.de von
22. Januar 2015, 12:42 Uhr

Lothar Möhding kam vom Arzt, er stand in der Holsteiner Straße, am Dienstag gegen 18.30 Uhr. Ladenschluss in der Innenstadt. Der Arzt hatte dem SPD-Ratsherrn ein Medikament verordnet, dieses Rezept wollte Möhding nun einlösen. Im Schaufenster der Apotheke in der Wallstraße informierte sich der Kommunalpolitiker nach der nächstgelegenen Notdienst-Apotheke – und bekam einen gehörigen Schreck: Hohn und Gettorf waren bis zum nächsten Morgen die ersten Anlaufpunkte für alle Menschen im Raum Rendsburg.

Für Möhding ein Riesen-Aufreger: „Ich habe ein Auto und bin auch sonst noch mobil, aber was machen die Bürger, denen es anders geht?“, fragt er. „Was macht zum Beispiel ein Rentner, der sich kein Taxi nach Hohn leisten kann? Was macht eine alleinerziehende Mutter mit kleinen Kindern, die abends unerwartet ein Medikament braucht? Diese Situation ist einfach unzumutbar!“ „Diese Situation“ ist die Folge der landesweiten Reform der Apotheken-Bereitschaft. Die Apothekerkammer hat die Nacht- und Notdienste neu koordiniert (wir berichteten). Ab sofort wird per Computer zentral bestimmt, welche der 700 Apotheken im Land an welchem Tag Bereitschaft hat. Ergebnis: Rendsburger, Büdelsdorfer und die Umland-Bewohner müssen ab 18 Uhr eine bis zu 16 Kilometer lange Anfahrt in Kauf nehmen. In den nächsten vier Wochen befinden sich die Notdienst-Apotheken an sechs Tagen außerhalb des Rendsburger Speckgürtels (siehe Grafik).

In Wartezimmern, Apotheken und beim Bäcker ist die Notdienst-Reform Gesprächsthema. „Wo bleibt der öffentliche Aufschrei? Wo bleibt der Protest aus der Politik?“, fragt ein LZ-Leser aus Büdelsdorf, der seinen Namen nicht nennen möchte und wie Möhding darauf verweist, dass er ja noch beweglich sei und ein Auto habe. „Aber was ist mit Rentnern, die auf die Apotheke in ihrer Stadt angewiesen sind?“ Eine Rendsburgerin, die jeden Tag zu Fuß durch die Innenstadt marschiert, fühlt sich ebenfalls stark benachteiligt. Sie habe weder ein Auto noch das Geld für ein Taxi und habe auch keine Angehörigen, die sie mal eben nach Hohn fahren könnten.

Nutznießer der veränderten Aufteilung könnten die Taxi-Betriebe werden. Die meisten bietet einen Lieferservice speziell für Medikamente an – bei Taxi-Callsen zum Beispiel kostet es zwischen zehn und zwölf Euro, sich den Hustensaft von der Notdienst-Apotheke bringen zu lassen. Dieser Tarif gilt jedoch nur für das Gebiet der beiden Nachbarstädte. Die Fahrt nach Hohn und zurück würde mit etwa 25 bis 30 Euro zu Buche schlagen. „Es kommt immer auch darauf an, ob wir erst noch das Rezept bei einem Patienten abholen müssen und wo der wohnt“, sagt Gisela Callsen, die das Traditionsunternehmen leitet. Die Chefin weist auf ein weiteres Problem hin, das den Engpass noch verschärfen könnte. „Durch die Einführung des Mindestlohns haben viele Taxibetriebe die Nachtschichten eingestellt“, sagt Gisela Callsen. „Wir sind fast das einzige Unternehmen, das zwischen zwei und sechs Uhr noch Fahrzeuge draußen hat.“ Lange Wartezeiten seien dadurch künftig nicht ausgeschlossen.

Eberhard Goll, Vorsitzender des Seniorenrats, spricht von einem „unzumutbaren Zustand für die Bevölkerung“. Man habe bereits im vergangenen November schriftlich bei der Apothekerkammer interveniert und vor dem Problem gewarnt. Ratsherr Möhding erwartet, dass sich viele Rendsburger jetzt, um abends gerüstet zu sein, mit den wichtigsten Medikamenten eindecken werden. Und zwar nicht bei der Apotheke vor Ort, sondern im Internet. „Der Online-Verkauf wird durch die Reform stark zunehmen“, schätzt er.

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