zur Navigation springen
Landeszeitung

24. September 2017 | 19:33 Uhr

Nachfolger verzweifelt gesucht

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Betreiberverein zieht sich nach einem Jahr aus dem Kulthaus zurück / Projekt soll trotzdem weitergehen / Verein „Kulturraum“ abgesprungen

shz.de von
erstellt am 04.Mai.2016 | 12:17 Uhr

Ein Jahr lang gab es den Veranstaltungsort Kulthaus in der Straße Am Holstentor. Für viele Rendsburger war es eine Bereicherung des Kultur- und Nachtlebens ihrer Stadt. Konzerte oder Lesungen, dazu Poetry Slam – endlich war auch abends etwas los. Tagsüber verschiedene Kurse von Artistik über Nähen und Yoga bis hin zu Zen-Buddhismus. So hätte es weitergehen können. Wird es aber nicht, wenn sich nicht bald ein neuer Träger für das Kulthaus findet. Denn der aktuelle Träger, der Verein Wilde Bildung, hat sich aus dem Projekt zurückgezogen. „Wir wünschen uns aber, dass der Ort bestehen bleibt, dass hier weiter Kultur gemacht wird“, sagt Mitorganisator Stephan Mohr (48). Und deshalb suchen sie einen Nachfolger für das inzwischen gut etablierte Kulthaus. Der Verein „Kulturraum“, der interessiert war, ist in der vergangenen Woche abgesprungen. „Bis dahin sind wir davon ausgegangen, dass sie das Kulthaus übernehmen“, sagt Johannes Lachenmeier (33). Das habe sie kalt erwischt. Deshalb gibt es auch keinen Plan B für die Übernahme. Wenn nicht bald etwas passiert, steht das Projekt endgültig vor dem Aus.

Dabei sind die Voraussetzungen gar nicht so schlecht. Das Kulthaus ist inzwischen bekannt, Besucher aus anderen Städten kommen zu den Abendveranstaltungen, was in Rendsburg keine Selbstverständlichkeit ist. Künstler aus Skandinavien und Großbritannien fragen an, ob sie hier nicht auftreten können. „Das Haus ist etabliert, die neuen Betreiber müssten nicht bei Null anfangen“, sagt Lachenmeier. Auch der Vermieter hat schon Verhandlungsbereitschaft signalisiert. Ihm gefällt die Idee, wieder Kultur in den Räumen des früheren Tonhallen-Kinos zu haben.

Die Betreiber steigen nicht wegen Erfolglosigkeit aus, sondern weil sie zu viel Erfolg hatten. „Es hat uns an die Grenzen gebracht, wir sind ,angebrannt‘ und müssen jetzt erst einmal einen Weile am Fluss sitzen“, sagt Mohr. Die Lasten haben sich auf zu wenige Schultern verteilt. Und sie sind vom Verein unterschätzt worden. Menschen, die mithelfen wollten, gab es. Was es aber kaum gab, war eine kontinuierliche Unterstützung. Zum harten Kern gehörten drei bis fünf Mitglieder. Die haben das Kulthaus neben ihren eigentlichen Berufen gestemmt. Für die Familie blieb da oft keine Zeit mehr. „Wir haben ganz blauäugig gedacht, das kann man ja mal machen“, gibt Mohr zu. „Wir hatten eine Vision und wir hatten Bock auf Kultur.“ Und sie wollten es gegen die Verwaisung der Innenstadt tun. „Diese Stadt könnte so eine Perle sein, wenn hier nur mehr geschehen würde“, sagt Mohr. Mit dem Kulthaus haben sie Aufbauarbeit geleistet, aber es war zu viel für sie.

Die Macher wurden von der Realität überrollt. Allein die Erfüllung der Brandschutzvorgaben hat viel Energie gekostet. Dann die Startphase, in der sie einen unbekannten Ort für Besucher und Künstler interessant machen mussten. Sie wussten nicht, dass sie für eine Veranstaltung zwei bis drei Monate Vorbereitung brauchen würden. Künstler buchen, Verträge mit ihnen aushandeln, Musikanlagen mieten, Werbung machen, Konditionen für Getränke aushandeln. „Das ist viel mehr Arbeit, als der Abend selbst“, sagt Lachenmeier. Der Vorlauf sei riesengroß. „Das schafft man nicht nebenher.“

Zum Jahreswechsel war den Betreibern klar, dass sie nicht weiter machen werden. „Wir haben in diesem Jahr unglaublich viel gelernt – im Guten wie im Schlechten“, sagt Stephan Mohr. Zu den besten Erfahrungen gehörte die Hilfsbereitschaft der Rendsburger. „Und dass man aus ganz wenig ganz viel machen kann“, sagt der Mitorganisator. Die Bilanz für das Kulthaus sieht er positiv. „Wir hatten hier nie einen Gast, der sich über den Tisch gezogen fühlte“, sagt Mohr. Die unkommerzielle Ausrichtung hatte ihren eigenen Charme. Etwa, wenn die Thekenkräfte erst einmal im Internet nachgucken mussten, wie sie den Cocktail, der gerade bestellt wurde, zubereiten müssen.

Einen ganz besonderen Moment erlebte Mohr am vergangenen Wochenende. Er stand nachts vor dem Kulthaus und bekam ein Gespräch von Passanten mit. „Was ist das denn für ein Laden“, fragte einer. „Das ist das Kulthaus, da müssen wir unbedingt zusammen mal reingehen“, sagte der andere. Da wusste Mohr: Jetzt ist das Kulthaus wirklich angekommen. Es wäre schade, wenn es damit schon wieder vorbei wäre.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen