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Rückblick : Nach 75 Jahren ist der Widerstand Geschichte

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Der Protest der Bürger war stark: Dennoch wurden am 1. Oktober 1938 die Dörfer Vaasbüttel und Glüsing in das Gebiet von Hohenwestedt eingemeindet. Mittlerweile ist die Kritik an der Kommunalreform längst verstummt.

„800 Jahre Hohenwestedt“ sollen 2017 groß gefeiert werden. Die heutigen Gemarkungsgrenzen der Gemeinde Hohenwestedt kamen allerdings erst zustande, als vor 75 Jahren die bis dahin selbstständigen Dörfer Vaasbüttel und Glüsing eingemeindet wurden. Beide Dörfer hatten vehement gegen die vom Landrat angeordnete Zusammenlegung protestiert, so dass die Eingemeindung nicht wie geplant am 1. April 1938, sondern erst am 1. Oktober 1938 vollzogen wurde.

„Die Gemeinde Vaasbüttel ist seit unvordenklichen Zeiten eine selbständige Gemeinde gewesen“, heißt es in einem Antrag auf Ausgemeindung, der im Oktober 1954 beim Landrat des Kreises Rendsburg einging, „während des Dritten Reiches wurde sie ohne Befragung der Einwohner mit Wirkung vom 1. Oktober 1938 in die Gemeinde Hohenwestedt eingemeindet. Hierzu lag damals überhaupt kein Grund vor, denn die Gemeinde Vaasbüttel war durchaus lebensfähig und hatte keine Schulden.“

Am 2. Februar 1937 hatte Landrat Wilhelm Hamkens die Bürgermeister von Vaasbüttel, Glüsing und Hohenwestedt brieflich über seine Zusammenlegungspläne informiert: „Wie ich bereits in der Veranstaltung der Kreisgruppe Rendsburg des Deutschen Gemeindetages bekannt gegeben habe, habe ich die Absicht, die Gemeinden Glüsing, Vaasbüttel und Hohenwestedt zusammen zu einer Gemeinde zu vereinigen. Die Vereinigung wird voraussichtlich mit Wirkung vom 1.4.1938 stattfinden. Ich ersuche Sie, hierzu nach Anhörung der Gemeinderäte und nach Fühlungnahme mit den beteiligten Gemeinden binnen zwei Wochen Stellung zu nehmen.“ Glüsings Bürgermeister Wilhelm Rohweder kritisierte in seiner Stellungnahme, dass durch die Anordnungen des Landrats „ein durch und durch gesundes Dorf seines bäuerlichen Charakters beraubt“ werde.

Wilhelm Rohweder war nicht nur Bürgermeister seiner Heimatgemeinde (Amtszeit: 1920-1938), sondern auch Amtsvorsteher (1936-1938) des Amtes Glüsing, dem Wapelfeld, Jahrsdorf und Grauel angehörten. Von den 40 Gemeinden des Kreises Rendsburg, die von Hamkens Kommunalreform betroffen waren, gingen nur Glüsing und Vaasbüttel in ihrem Protest so weit, dass sie sich beim Reichs- und Preußischen Ministerium des Inneren in Berlin über die Zusammenlegungspläne des Landrats beschwerten.

Das einzige, was die Glüsinger und Vaasbütteler damit erreichten, war eine sechsmonatige Verzögerung der Eingemeindung, die statt am 1. April erst am 1. Oktober 1938 in Kraft trat. „Wie ich aus vorliegenden erneuten Eingaben ersehe…, versuchen Sie mit allen Mitteln, unter Einschaltung aller möglichen zuständigen und unzuständigen Stellen, die bereits ausgesprochene Eingemeindung in Hohenwestedt rückgängig zu machen oder zu hintertreiben“, schreibt der inzwischen zum Schleswiger Regierungspräsidenten aufgestiegene Hamkens am 20. August 1938 an den Vaasbütteler Bürgermeister Heinrich Tams: „Ich warne Sie, durch Schritte irgendwelcher Art weitere Unruhe und Unzufriedenheit in die Bevölkerung hineinzutragen! Ich werde dann zu energischen Gegenmaßnahmen gezwungen sein, da in Ihrem Verhalten ein Verstoß gegen die Disziplin liegen würde!“

Die „undisziplinierten Unruhestifter“ aus Vaasbüttel gaben notgedrungen erstmal Ruhe. Gleich nach der Kapitulation machte sich aber 1945 eine Abordnung aus Vaasbüttel auf den Weg zum Landrat, um abermals und wiederum vergeblich gegen die nationalsozialistische Eingemeindung von 1938 zu protestieren. Am 17. Oktober 1954 schickten die Vaasbütteler dem Landrat einen „Antrag der Einwohnerschaft des Ortsteils Vaasbüttel (Gemeinde Hohenwestedt) auf Ausgemeindung und Wiederherstellung der früheren politischen Gemeinde Vaasbüttel“.

„Die ohne Zweifel in der ganzen Provinz bekannten Verhältnisse in der Gemeinde Hohenwestedt geben nunmehr erneut und begründet Veranlassung, den Antrag zu wiederholen“, schreiben die Vaasbütteler und weisen auf diverse aus ihrer Sicht („nach diesseitiger Auffassung“) falsche Entscheidungen der Hohenwestedter Kommunalpolitiker (unter anderem den Bau einer neuen Mittelschule) hin: „Die durchgeführten und geplanten Maßnahmen bringen der Gemeinde Hohenwestedt eine erhebliche Verschuldung und einen nicht unwesentlichen Zins- und Tilgungsdienst. . . . Es kann der Einwohnerschaft von Vaasbüttel nicht zugemutet werden, dass sie ungewollt an der Tragung dieser Verpflichtungen teilnehmen muss.“

In diesem wiederum erfolglosen Antrag auf Ausgemeindung kritisieren die Vaasbütteler auch, dass sie in der Hohenwestedter Gemeindevertretung „nur durch eine Stimme vertreten“ seien, „die ohne Einfluss bleibt.“ 1955 wurde ein neuer Hohenwestedter Gemeinderat gewählt und ein Glüsinger mit einem wichtigen Posten betraut: Johannes Rohweder mit dem Amt des Bürgervorstehers, das er von 1955 bis 1967 und dann noch einmal von 1970 bis 1974 innehatte. „Von diesem Zeitpunkt an war das Thema Ein- bzw. Ausgemeindung für die Glüsinger endgültig erledigt“, weiß Johannes Rohweders Sohn Jörg Rohweder (selbst Bürgervorsteher von 2003 bis 2012), „die Glüsinger hatten sich mit den Verhältnissen arrangiert und versuchten, das Beste daraus zu machen.“

„Trotz der damaligen sehr starken Ablehnungen der Eingemeindung gewöhnte man sich später daran, ein Teil einer größeren Gemeinde zu sein“, schrieb der Realschüler Jörg Rohweder 1960 in seiner Abschlussarbeit, „da Glüsing und Hohenwestedt nach 1945 auch wohnräumlich . . . miteinander verschmolzen, fühlen sich die Einwohner jetzt schon als Hohenwestedter.“

Jörg Rohweder ist nach der Eingemeindung im Ortsteil Glüsing geboren, also schon gebürtiger Hohenwestedter. Ex-Wehrführer Henning Ratjen hingegen (geb. 21. Juli 1938) hat in seiner Geburtsurkunde als Geburtsort noch die Gemeinde Vaasbüttel stehen, ebenso wie seine drei Freunde Hans Wulff, Erich Hansen und Rolf Mohr (alle Jahrgang 1938). Als gebürtige Vaasbütteler halten sie die Erinnerung an die einstige Eigenständigkeit ihres Dorfes wach. 1988 wurden „50 Jahre Knechtschaft“ gefeiert. „Das war ein fröhliches Fest“, meint Ratjen und zählt auf, was alles zu Vaasbüttel (570 Hektar) gehört: Falkenburg, die Landbäckerei, die ehemalige Ziegelei (heute Firma Bartram), Stavenbrook und das Freibad Ludwigslust: „Die Grenze verläuft quer über den Sportplatz Wilhelmshöhe.“

Mit Blick auf die einstige „bona“-Zentrale in Vaasbüttel sowie das Butterwerk und die Firma Leser in Glüsing steht für Jörg Rohweder fest: „Die wirtschaftliche Entwicklung Hohenwestedts wäre ohne Vaasbüttel und Glüsing so nicht denkbar gewesen.“

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erstellt am 01.Okt.2013 | 06:00 Uhr

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