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Jüdisches Museum : Muslimische Flüchtlinge auf den Spuren eines Holocaust-Überlebenden

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

200 Teilnehmer hat ein landesweites Integrationsprojekt, das nun auch nach Rendsburg führte.

Fritz Ring erreicht mit dem Zug die Freiheit. Am 14. Dezember 1938 fährt der 17-Jährige mit einem Kindertransport über Holland nach England. Die Flucht rettet ihm das Leben. Nach seiner Ankunft in Großbritannien bitten ihn seine jüdischen Eltern in Rendsburg in einem Telegramm, sich für sie um ein Visum zu bemühen. Doch als er es erhält, ist es schon zu spät. Nach dem Krieg erfährt der Sohn eines Schneiders und einer Putzmacherin aus der Torstraße, dass Mutter und Vater 1939 die Stadt verlassen mussten, nach Brüssel flohen, dann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden. Er sieht seine Eltern nie wieder.

Das Schicksal von Fritz Ring ist eines von Zehntausenden nach den November-Pogromen 1938. Doch große Zahlen sind abstrakt. Aber einzelne Lebensberichte können betroffen machen. Das weiß auch Claudia Kuhn. „Emotionale Situationen regen das Nachdenken an“, sagt die Volontärin im Jüdischen Museum. Daher wird der Weg von Fritz Ring, der nach dem Krieg in die USA auswanderte und dort Fred genannt wurde, im Rahmen eines Integrationsprojektes vermittelt. Junge Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien, Jemen sowie Iran folgen bei einer Führung durch das Jüdische Museum den Spuren des ehemaligen Rendsburger Jungen, der ein Opfer von Rassismus wurde. Gerade Menschen, die selbst vor Terror und Gewalt geflohen seien, könnten Empathie für das Schicksal der Juden in der Nazizeit entwickeln.

„Mut zur Versöhnung – Meet Fred!“, heißt das Angebot. „Anhand der Biografie von Fred erfahren die Geflüchteten etwas über die deutsch-jüdische Geschichte und die jüdische Kultur“, schildert die Museumspädagogin das Konzept. Die Rundgänge durch die ehemalige Synagoge in der Prinzessinstraße sind eingebunden in das landesweite Flüchtlingsprojekt „New Ways for Newcomers“ unter Leitung des Iraners Ehsan Abri. Gefördert wird das Projekt vom Landesbeauftragten für politische Bildung und vom Flüchtlingsrat. Für die 200 Teilnehmer wird ein neunmonatiges Kursangebot geschaffen, in dem die Themenbereiche ,,Demokratie und Menschenrechte“ sowie ,,Feminismus und Frauenrechte“ im Mittelpunkt stehen. Die Kurse werden seit Mitte 2016 in DaZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) in Rendsburg, Eckernförde und Preetz gegeben. Die Angebote werden nun durch die Kooperation mit dem Jüdischen Museum Rendsburg um die „Begegnung mit Fred“ erweitert.

„Das Jüdische Museum Rendsburg versteht sich als ein Ort, dessen Aufgabe es ist, einen Beitrag zur Bekämpfung von Antisemitismus und Diskriminierung zu leisten“, erklärt der Leiter Dr.    Carsten Fleischhauer. „In unseren Kursen wird viel über Menschenwürde gesprochen“, ergänzt Ehsan Abri. „Bei den Besuchen im Jüdischen Museum können die Jugendlichen begreifen, wie Ideologie und Maschinerie des NS-Staates funktionierten, und sehen, wohin Antisemitismus und Rassenhass führen.“ Das gelte erst recht, wenn die Flüchtlinge aus muslimischen Ländern kommen, in denen die Judenfeindschaft zum Allgemeingut gehöre und der Hass auf Israel Staatsräson sei. Das Ziel sei es, eventuelle Vorurteile abzubauen und Antisemitismus vorbeugend zu begegnen. In zehn Gruppen mit jeweils 20    Personen sollen die Flüchtlinge bis zum Jahresende an den Führungen teilnehmen und erfahren, was geschieht, wenn Menschenrechte verletzt werden.

Die Museumsbesucher werden die ehemalige Synagoge kennen lernen, in der Fritz Ring 1934 seine Bar Mizwa, seine religiöse Mündigkeit, feierte. Der gläubige Jude, der 2015 in in den USA starb, kehrte in den 80-er Jahren noch einige Male in seine Geburtsstadt in das Land der Täter zurück. Seine Bereitschaft zur Versöhnung gilt als Beispiel dafür, dass Hass und Vorurteile überwunden werden können und ein Aufeinanderzugehen möglich ist. Diese Botschaft lag dem Holocaust-Überlebenden am Herzen. Bei den Besuchen in Rendsburg stiftete er dem Jüdischen Museum persönliche Gegenstände. Dazu gehört auch ein Gebetsschal in einer Hülle aus blauem Samt – ein Geschenk seiner Eltern, das er bei der Flucht nach England im Gepäck hatte. Der Spender bat darum, das Erinnerungsstück der jungen Generationen zu zeigen, um die Erinnerung an die NS-Verbrechen wach zu halten und aus der Vergangenheit zu lernen. Dieser Wunsch geht jetzt in Erfüllung.

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erstellt am 19.Jul.2017 | 12:56 Uhr

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