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Haale : Mooreiche inspiriert die Künstlerin

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Rebecca Zutz sieht in der Verarbeitung des etwa 3500 Jahre alten Holzes ihre Lebensaufgabe. Neues Atelier auf dem Gesinenhof in Haale.

Elefanten und Katzen, Herzen und Handschmeichler, Mutter-Erde-Figuren und die Raben Odins: Die Unikate, die Rebecca Zutz in ihrer Werkstatt auf dem Gesinenhof schnitzt, sind allein wegen ihrer Kunstfertigkeit schon etwas ganz Besonderes. Was die Schnitzkunstwerke zusätzlich – neudeutsch: on top – noch wertvoller macht, ist der Werkstoff, aus dem sie hergestellt sind: 3200 bis 3500 Jahre altes Holz aus dem Stamm einer Mooreiche.

„Das ist mir erst so Stück für Stück bewusst geworden, was für ein gewaltiger Zeitraum das ist: bis Christi Geburt und dann noch mal 1200 bis 1500 Jahre zurück“, sagt Rebecca Zutz, „unsere Mooreiche hat zum Beispiel etliche ägyptische Pharaonen-Dynastien überlebt: Echnaton, Tutanchamun, Ramses I, Ramses II und Nofretete.“ 2006 wurde auf einer Pferdekoppel in Sichtweite des Nord-Ostsee-Kanals, die das Ehepaar Zutz gepachtet hatte, eine Mooreiche entdeckt. „Das Bergen war wie eine Schatzsuche“, erinnert sich Rebecca Zutz, „das hat tierisch Spaß gemacht.“ Der „Schatz“, der bei den Bergungsarbeiten ans Tageslicht befördert wurde, war ein 11,60 Meter langer Mooreichenstamm. „Das Konservieren der Eiche durch das Moor kann man mit einer Moorleiche vergleichen“, weiß Rebecca Zutz, „unter Sauerstoffabschluss laufen chemische Prozesse ab, die unter anderem diese besondere pechschwarze Farbpigmentierung bewirken.“ Die Eheleute Zutz wussten auch, wie man eine geborgene Mooreiche behandeln muss, um Rissbildung und Verfall einzudämmen: „Der Stamm kam erstmal vier Wochen in den Feuerlöschteich, und dann haben wir extra einen Unterstand gebaut, um die Temperaturschwankungen so gering wie möglich zu halten.“ Für Rebecca Zutz war die Mooreiche deshalb so ein besonderer Schatz, weil sie schon sah, was für kunsthandwerkliche Perspektiven sich auf einmal für sie auftaten. „Eigentlich habe ich Tischlerin lernen und dann die Werkstattschule besuchen wollen“, erzählt die Haalerin, die die Ausbildung zu ihrem Traumberuf aber wegen einer Nervenschädigung in den Fingern nach nur einem halben Jahr aufgeben und zur Erzieherin umsatteln musste. Dem entgangenen fachlichen Know-how trauert sie immer noch nach. „Ich würde gern noch mehr mit dem Holz machen können“, sagt sie, „ich will jetzt noch viel lernen und bringe mir das alles Stück für Stück autodidaktisch bei.“ Einige „Sahnestücke“ des Stamms habe sie bewusst zur Seite gelegt: „Ehe ich mich daran wage, will ich erst noch mehr können.“ Wie alt und wertvoll ihr Werkstoff ist, bekam sie im Mai 2007 vom Labor für Dendroökologie des Albrecht-v.-Haller-Instituts für Pflanzenwissenschaften (Göttingen) bestätigt. „Das Holz belegt eine Zeitspanne von 245 Jahren (Jahrringen), von denen der stammäußerste auf das Jahr 1184 vor Christus datiert“, heißt es in der Mitteilung des Institutslabors, „Keimung und Tod lassen sich nicht exakt bestimmen, da sowohl innen als auch außen Holz verrottet ist und somit etliche Jahresringe nicht erhalten sind. Das Lebensalter der Eiche kann auf etwa 300 Jahre geschätzt werden.“

„Man braucht gar nicht esoterisch angehaucht zu sein, um etwas von der heidnisch geprägten Mystik der Mooreiche zu empfinden“, meint Rebecca Zutz. Früher habe man Türschwellen gern aus Mooreiche gefertigt, „damit alles Böse draußen bleibt.“ Auch heute seien Werkstücke aus Mooreiche „immer noch heiß begehrt“, hat die Schnitzkünstlerin festgestellt. Als „Symbol für die Heimat“ werde ein Stück Mooreiche heutzutage wertgeschätzt.

Stolz ist die Haalerin darauf, dass ihre Kunstwerke schon weitläufig auf dem Globus verteilt sind. „Es fing vor ein paar Jahren damit an, dass beim Weihnachtsmarkt in Luhnstedt jemand aus Kanada war, dem ich eine Kette geschenkt habe, weil ich gern wollte, dass etwas von unserer Mooreiche auch nach Kanada kommt“, berichtet Rebecca Zutz. Inzwischen gibt es auch in den USA, Holland, England, Irland, Norwegen und Neuseeland Mooreichen-Kunstwerke aus Haale. Für Rebecca Zutz, die ihr „Atelier Mooreiche“ gerade in einem neuen Verkaufsraum auf dem Gesinenhof eingerichtet hat und nun verstärkt an Kunsthandwerkermärkten teilnehmen möchte, steht fest: „Die Verarbeitung dieses Mooreichenstamms ist mein Lebenswerk.“

 

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