Milchviehhof in Heinkenborstel : Mit Mut und 100 Kühen in die Zukunft

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Anna-Lena Rohwer wird den Milchviehhof ihres Vaters übernehmen. Sie liebt Kühe. Doch sie muss von der Milchproduktion auch leben können.

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05. Juni 2015, 17:00 Uhr

Heinkenborstel | Was sie einmal werden will, stand für Anna-Lena Rohwer schon früh fest. „Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich gesagt: Ich möchte den Hof übernehmen.“ Der Milchviehbetrieb ihrer Eltern liegt umgeben von Feldern bei Heinkenborstel. Inzwischen ist die 27-jährige ausgebildete Agrarbetriebswirtin und bewirtschaftet den Hof an der Seite ihres Vaters. Ende nächsten Jahres wird sie ihn ganz übernehmen. Eine mutige Entscheidung, findet Kollege Joachim Schoof aus Börm. Denn die Milchviehhalter blicken mit Sorge in die Zukunft.

Mit 28 Cent pro Liter liegt der Milchpreis zurzeit auf dem Niveau des Krisenjahres 2009, machte gestern Kirsten Wosnitza vom Bund deutscher Milchviehhalter (BDM) deutlich. Das Landesteam Schleswig-Holstein des Verbandes hatte Minister Robert Habeck zur traditionellen Milchviehbereisung eingeladen. Vom Minister und der Politik forderte Wosnitza beim Ortstermin auf dem Rohwer-Hof ein Milchmarkt-Krisenmodell. Tierwohl sowie Klima-, Umwelt- und Naturschutz gelte es zu berücksichtigen. Dazu kämen noch Tourismusbelange. „Es ist momentan sehr schwierig, all diese Belange durch den Preis entgolten zu bekommen.“

Das sieht auch der Minister ein. Der momentane Auszahlungspreis könne nur bedeuten, „dass die Betriebe aus der Substanz wirtschaften“. Zudem ist es ein Preis, auf den die Landwirte nicht einmal Einfluss haben. „Ich liefere die Milch bei der Molkerei ab und ich weiß nicht, wie viel Geld ich dafür bekomme“, kritisiert Anna-Lena Rohwer das Verfahren. Der BDM wünscht sich daher mehr Einfluss der Erzeuger.

Für Anna-Lena Rohwer sind ihre einhundert Milchlieferanten „meine Mitarbeiter, nicht nur Nummern“. So ist auf den Ohrmarken neben den Zahlen auch Sandra und Speedy, Racker oder Kiwi zu lesen. „Ich lege viel Wert auf das Wohl der Tiere“, sagt die junge Frau. Vor gut fünf Jahren wurde beispielsweise ein heller, moderner Stall für die ein bis eineinhalb Jahre alten Kälber errichtet. „Licht ist für die Kühe Energie.“ Daher ließ sie im alten Stall auch die Lichtbänder erneuern. Gerne würde sie ganz neu bauen – aber momentan ist ihr die wirtschaftliche Lage dafür zu unsicher. Ob mit den Verbesserungen auch immer eine Leistungssteigerung einhergeht, ist für die Agrarbetriebswirtin nicht allein entscheidend.

Bessere Lebensbedingungen bedeuteten auch bessere Gesundheit und die wiederum weniger Einsatz von Medikamenten. Im Sommer sind die Rinder daher auf der Weide zu finden. Dort kalben sie ab Mitte Juni. Einen Tag lang bleibt der Nachwuchs bei der Mutter, bevor er in den „Kälber-Kindergarten“ kommt. „Ich mache es aus Überzeugung“, erklärt Anna-Lena Rohwer. Sie habe fast keine Totgeburten. Die 27-Jährige ist stolz auf ihre gesunden Tiere. „Sie sind kräftig, können mehr ab.“ Und die Rotbunten bleiben lange auf dem Rohwer-Hof. 16 Jahre zählt das älteste Tier.

Damit die Kühe gut über den Winter kommen, bewirtschaften die Rohwers Grünland zur Futterproduktion. Wollten sie die Herde vergrößern, müssten sie Land dazu pachten. Dann stehen sie aber in Konkurrenz zu Biogasproduzenten, die Preise bieten, die für die Milchviehhalter nicht zahlbar sind.

Anna-Lena Rohwer ist ein Kuh-Fan mit viel Energie. Sie findet Zeit, im Gemeinderat mitzuarbeiten. In der Feuerwehr ist sie ebenfalls aktives Mitglied. Um immer informiert zu sein, engagiert sich die 27-Jährige im BDM, ist im Team des Kreises Rendsburg-Eckernförde die zweite Vorsitzende. Der Hof ist für die junge Frau nicht einfach eine Geldproduktionsstätte. „Es hängt viel mehr daran.“ So waren ihre Geschwister einverstanden, dass sie den Betrieb weiterführt. Was sie macht, wenn der Milchpreis weiter in den Keller rutschen sollte, daran mag die Landwirtin aus Leidenschaft gar nicht denken. Sie möchte den Hof für die nächste Generation erhalten– für ihre Nichte oder später die eigenen Kinder.

Wirtschaftliche Situation:
2003 wurde der Beschluss gefasst, die seit 1984 bestehende Milchquotenregelung letztmals bis 2015 zu verlängern. Seit dem 1. April  können die Milchbauern ihre Betriebe erweitern, ohne zusätzliche Milchquoten kaufen zu müssen.
Im Januar 2015 lagen die Produktionskosten in Deutschland bei durchschnittlich 45,64 Cent je Kilogramm Milch. Das ermittelte das Büro für Agrarsoziologie & Landwirtschaft (BAL).
Bei einem durchschnittlichen Milchpreis von 31,03 Cent pro Kilo bedeutet dies ein erhebliches Defizit für die Produzenten. Für Deutschland wurde eine Kostendeckung von nur 68 Prozent ermittelt.
Marktpreise entwickeln sich ausschließlich aufgrund von Angebot und Nachfrage. So spielen gesellschaftliche Wünsche nach mehr Tier- oder Umweltschutz in einem vollständig freien Markt so gut wie keine Rolle, erklärt  BDM-Vorsitzender Romuald Schaber.
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