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Protest gegen Agrarpolitik : Milch-Pakete für Jean-Claude Juncker

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Landwirte schlagen Alarm: Rund die Hälfte der Milchviehbetriebe im Kreis Rendsburg-Eckernförde in ihrer Existenz bedroht.

Einen Anhänger mit einem Protest-Plakat an der B 77 aufgestellt und Protest-Milch per Post nach Brüssel geschickt: Landwirte aus dem südlichen Kreisgebiet machten ihrem Unmut gestern auf doppelte Art und Weise Luft. Die Milchbauern, die mehr denn je um ihre Existenz fürchten, protestierten gegen die ihrer Auffassung nach ebenso verfehlte wie ruinöse Agrarpolitik von Bundesregierung und EU. „Merkel, Schmidt & Hogan wollen lieber Milchbauern ruinieren als die Milchmenge reduzieren“ steht auf dem Plakat, das die Landwirte gestern da aufstellten, wo es von möglichst vielen Autofahrern gesehen wird: Am Ortsausgang von Hohenwestedt Richtung Itzehoe, direkt an der Auffahrt von der B 77 zur B 430.

Mit dem Plakat stellen die Landwirte des „Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter“ (BDM) diejenigen an den Pranger, denen sie eine „Verweigerungshaltung“ angesichts der aktuellen Milchmarkt-Krise vorwerfen: Bundeskanzlerin Angela Merkel, deren Landwirtschaftsminister Christian Schmidt sowie EU-Agrarkommissar Phil Hogan. Die Absetzung Hogans ist eine Forderung, der die BDM-Bauern gestern auf ungewöhnliche Weise Ausdruck verliehen. An der Poststelle in einem Hohenwestedter Supermarkt gaben sie Pakete mit jeweils einem Liter Milch auf, die alle an denselben Adressaten gingen: Jean-Claude Juncker, EU-Kommissionspräsident, Rue La Loi 200, 1040 Brüssel, Belgien. „Das ist unser Weihnachtsgeschenk für Herrn Juncker“, meinte Christoph Lutze (Hohenwestedt) vom BDM-Landesvorstand.

Seit über zwei Jahren befinden sich die Milchpreise im freien Fall. Seit mehr als zwölf Monaten müssen sich viele Milchbauern mit einem Erzeugerpreis von deutlich unter 30 Cent pro Kilogramm Milch begnügen. Aktuell liegt der Preis sogar nur bei 24 Cent. „Daran gehen die Bauern bei uns reihenweise kaputt“, weiß Lutze, der seinen eigenen Einkommensverlust für das abgelaufene Jahr auf 150  000 Euro beziffert.

An der Protestaktion in Hohenwestedt nahmen Landwirte aus Arpsdorf, Bokel, Hohenwestedt, Krogaspe, Lütjenwestedt, Nienborstel, Oldenhütten und Stafstedt teil. Im Kreis sei rund die Hälfte der reinen Milchviehbetriebe in ihrer Existenz bedroht, schätzt Lutze: „Wir werden es im nächsten Jahr erleben, dass viele Dörfer auf einmal ohne Bauern dastehen – das wird relativ schnell gehen, denn die Landwirte haben kein Geld mehr.“ „Wir produzieren Lebensmittel von höchster Qualität und fordern dafür einen Preis, mit dem wir unsere Familien ernähren können“, sagte Ursula Trede, als sie ihr Milch-Paket an Jean-Claude Juncker abschickte. Es ist das freie Spiel der Marktkräfte, das die Milchpreise in den Keller treibt und den Bauern das Genick bricht. Wenn man dem Markt seinen Lauf lässt, würde sich die Milchmenge über kurz oder lang wohl dadurch regulieren, dass viele Betriebe Konkurs anmelden. Ein Automatismus, den Lutze „menschenverachtend“ findet: „In einem Krisenfall wie wir ihn jetzt haben, muss die Politik Marktregeln aufstellen, um das durchzusetzen, was die Gesellschaft will: den Erhalt der landwirtschaftlichen Familienbetriebe.“

Wie sich der BDM die preissteigernde Reduzierung der Milchmengen vorstellt, erläuterte der BDM-Vorsitzende Romuald Schaber gestern in einer Pressemitteilung, in der er die Bundes- und EU-Politiker auffordert, „einzugreifen und mit politischem Handeln Anreize dafür zu setzen, dass überschüssige Milchmengen erst gar nicht produziert werden.“

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