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In der Giesserei : Mehr als 1000 Grad beim Glockenguss

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

„Vivos voco – mortuos plango – fulgura frango“ – zusammen mit dem Schnittbild einer Glocke hängt dieser Spruch über der Grube in der Glocken- und Kunstgießerei Rincker in Sinn. Seit über 400 Jahren werden hier, mitten in der 6500 Einwohner zählenden Gemeinde, Glocken gegossen, die mittlerweile in allen Ecken der Welt zu hören sind: die neun Glocken in Coquimbo (Chile) im „Kreuz des dritten Jahrtausends“ stammen ebenso wie die Mahnglocke in Hiroshima oder die Glocken der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin aus der ältesten im Familienbesitz befindlichen Gießerei in Europa.

Rund 500 Liter Öl werden zum Erhitzen des Metalls im Schmelzofen benötigt, bis die zum Gießen notwendigen 1100 bis 1200 Grad für die Kupfer-Zinn-Legierung erreicht sind.

In den besten Jahren wurden 250 Tonnen Bronze verarbeitet, gerade in der Nachkriegszeit gab es Nachholbedarf. Viele Geläute, teils zerstört, teils aus minderwertigen Ersatzmaterialien gegossen, mussten ersetzt werden. Heutzutage kann eine Gießerei von der Herstellung allein nicht mehr leben, auch wenn im vorigen Jahr die zwanzigtausendste Glocke seit 1865 gegossen wurde. Komplettlösungen sind gefragt, die neben Lieferung und Installation auch Wartungsverträge beinhalten.

Der Vater von Hanns Martin und Fritz Georg Rincker hat unter anderem nicht nur das sehr sehens- und hörenswerte Glockenmuseum auf der in der Nähe stehenden Burg Greifenstein ins Leben gerufen, sondern auch rechtzeitig mit dem Kunstguss ein zweites Standbein für die Firma geschaffen. Im Hof der Gießerei liegen in diesen Tagen schon die wesentlichen Teile eines knapp zehn Meter hohen Bronzebrunnens, der demnächst die Stadt Antwerpen zieren wird – der größte Auftrag der Firmengeschichte in diesem Bereich.

Wenn der Glockenguss ansteht, sind die langwierigsten Arbeiten bereits getan. Auf einer Holzschablone wurde die „Rippe“ aufgezeichnet, das Profil der Glocke, die den Klang bestimmt. Die innere und äußere Kontur liegen damit fest. Wochenlang wurden die Lehmformen hergestellt: zuerst der gemauerte Kern, darüber mit erst groben, dann immer feiner werdendem Lehm die innere Form aufgebracht. Mit der inneren Kontur der Schablone wird die Oberfläche immer wieder überprüft. Nach Trocknung des Kerns wird eine Trennschicht aufgetragen über der dann die „falsche Glocke“ geformt wird. Die Schablone legt auch hier mit ihrer äußeren Kontur die Form fest.

Wenn Inschriften oder Verzierungen aufgebracht werden sollen, ist nach Trocknung der falschen Glocke die Zeit dafür gekommen. Über der falschen Glocke wächst dann der Mantel, diesmal mit feinem Lehm zuerst und immer gröberem Material nach außen hin. Dieser Mantel wird mit ebenfalls getrocknet. Die Trennmittel erlauben den Mantel abzuheben, um die falsche Glocke zu zerschlagen. Wenn der Mantel wieder über den Kern gestülpt wird ist der Hohlraum entstanden, der beim Guss mit der Bronze ausgefüllt wird.

Die Räume zwischen den einzelnen Gussformen in der Grube werden mit Erde gefüllt, die stark verdichtet werden muss, um dem enormen Druck stand halten zu können, der beim Gießen entsteht. Den Abschluss bildet das Anbringen der Krone. An ihr wird die Glocke später aufgehängt. Windpfeifen ermöglichen das Entweichen der Gase aus der Form. Vom Ofen werden zu den Gussformen Kanäle gemauert, durch die die Bronze fließen kann. Der Guss selbst dauert nur rund zehn Minuten, die Abkühlzeit der Glocken mehrere Tage, bis man sie aus den Formen befreien kann. Erst dann weiß man, ob der Guss gelungen ist. Abgeliefert werden die Glocken aber erst, wenn sie nachgearbeitet und poliert worden sind und ein Glockensachverständiger sie abgenommen hat.

Dann darf sie mit ihrem Läuten „die Lebenden rufen – die Toten beklagen – die Blitze brechen“.

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erstellt am 12.Sep.2013 | 14:58 Uhr

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