Rendsburger Hospiz-Experte: : „Man hat mich schon oft um Sterbehilfe gebeten“

Norbert Schmelter (63) ist als Geschäftsführer der gemeinnützigen Gesellschaft Pflege LebensNah für 800 Patienten und 250 Mitarbeiter verantwortlich.
Norbert Schmelter (63) ist als Geschäftsführer der gemeinnützigen Gesellschaft Pflege LebensNah für 800 Patienten und 250 Mitarbeiter verantwortlich.

Hospiz-Experte Norbert Schmelter über den Umgang mit todkranken Menschen. Sterbehilfe darf niemals erlaubt werden, meint der Geschäftsführer der Rendsburger Pflege LebensNah.

shz.de von
07. Juni 2014, 07:45 Uhr

Rendsburg | Die Debatte um Sterbehilfe hat durch den früheren Hamburger Justizsenator Roger Kusch neue Nahrung bekommen. Er ist angeklagt, zwei Frauen in den Tod getrieben zu haben. Über diese Vorgänge ist Norbert Schmelter, Geschäftsführer der Rendsburger Pflege LebensNah, entsetzt. Er hat täglich mit Sterbenden zu tun, versucht für sie da zu sein, doch Sterbehilfe würde er niemals leisten. Mit ihm sprach unser Redaktionsmitglied Dirk Jennert.

Herr Schmelter, wie viele von den 800 Menschen, die die Pflege LebensNah betreut, sind sterbenskrank?

Schmelter: Ich gehe davon aus, dass etwa 40 bis 50 Prozent unserer Patienten so erkrankt sind, dass man doch täglich oder in den nächsten Wochen mit dem Tod rechnen muss. Den überwiegenden Teil der Menschen betreuen wir zu Hause. In der Kurzzeitpflege haben wir 22 Betten, das stationäre Hospiz verfügt über zehn Betten. Dort findet natürlich das Sterben, der Tod, aber auch das Leben sehr intensiv statt.

Haben Sie durch diese ständige Nähe zum Tod die Angst davor verloren?

Ich bin noch kerngesund, aber ich habe durchaus Ängste vor dem Tod. Mein Vater ist mit 62 Jahren durch einen Herzinfarkt gestorben, da war ich dabei. Ich habe ihn noch begleiten können ins Krankenhaus. Ich war zu diesem Zeitpunkt 23. Es war eine Herausforderung, damit klar zu kommen. Ich habe sehr viel weinen müssen und hatte auch Angst davor, meinen Vater wieder mit nach Hause zu nehmen, aber meine Mutter hatte das gewünscht. Für mich hat diese Erfahrung den großen Ausschlag dafür gegeben, um mich mit dem Sterben und dem Tod bis heute intensiv zu befassen.

Ist es leichter für Angehörige, wenn der Tod eines geliebten Menschen weniger plötzlich kommt?

Es ist sicher anders, aber nicht weniger berührend. Das habe ich bei meiner Mutter erlebt, die eine zehnjährige Demenz-Erkrankung durchlitten hat. Die letzten zweieinhalb Jahre haben meine Frau und ich sie zu Hause betreut. Am Ende ist meine Mutter sanft eingeschlafen. Unsere Kinder und auch ihre Freunde sind gekommen und wir haben uns sehr feierlich von ihr verabschiedet. Das ist sehr ruhig und würdevoll verlaufen.

Sie haben gelernt, das Sterben als etwas Natürliches zu betrachten?

Ja, sicher. Ich komme nicht in Panik. Ich muss einen sterbenden Menschen nicht dadurch beunruhigen, dass ich hektisch werde. Ich weiß darum und verdränge es nicht. Unsere Gesellschaft ist allerdings ganz anders gepolt. Da geht es um Fitness, Jungsein und Fun, aber die Tiefe fehlt.

Was bewegt die Menschen, die die Pflege LebensNah auf dem letzten Weg betreut?

Das ist stark abhängig vom Moment und der Situation. Viele ruhen in sich. Sie kämpfen nicht. Viele nehmen das Sterben als gegeben hin. Das ist nicht unbedingt altersabhängig. Ich habe das bei Kindern beobachtet, bei jungen Erwachsenen, aber auch bei Älteren.

Dies gilt sicher nicht für Menschen, die unter starken Schmerzen leiden. Sehnen diese nicht eher den Tod herbei?

Ja, das gibt es. Aber das muss man differenziert sehen. Es gibt nicht nur den körperlichen Schmerz. Viele sind isoliert in unserer heutigen Gesellschaft, haben keine Familie mehr. Oder sie schotten sich selbst ab aus den verschiedensten Gründen. Manche Ältere werden irgendwann inkontinent und trauen sich nicht mehr aus dem Haus. Aus dieser Isolation und dieser Einsamkeit kann ein tiefer seelischer Schmerz entstehen, der dazu führt, dass ein Mensch nicht mehr leben will.

Sind Sie schon einmal um aktive Sterbehilfe gebeten worden?

Das bin ich oft. Das ist ein Stück Normalität für mich, um ein todbringendes Medikament gebeten zu werden. Einige sagen auch: Bitte, schieß mich tot. Ich bin einmal nachts zu einem sterbenden Patienten ins Hospiz gerufen worden. Neben ihm lag eine Waffe und er blutete. Wir waren alle zutiefst erschrocken. Es stellte sich heraus, dass die Blutungen eine Folge seiner Krebserkrankung waren. Er ist dann eingeschlafen.

Wie reagieren Sie auf die Bitte nach Sterbehilfe?

Es hängt von der Situation ab. Ich habe Verständnis dafür, wenn jemand so starke körperliche Schmerzen hat, dass er sie nicht mehr ertragen kann. Ich sage dann, dass ich Hilfe herbeiholen werde. Ich habe aber auch oft klar gesagt, dass ich keine Sterbehilfe leisten werde. Ich kann nicht daran mitwirken, einen Menschen zu töten. Zum Leben gehört Leid dazu. Wir wollen es immer nur schön und gut haben. Ich glaube, wir rennen da einem Ideal nach, das wir nie erreichen werden. Der Tod ist nichts, womit nur der Mediziner oder die Pflegekraft zu tun haben, sondern alle Menschen.

Roger Kusch, der frühere Hamburger Justizsenator, ist ein großer Befürworter aktiver Sterbehilfe.

Bei Herrn Kusch habe ich es überhaupt nicht verstehen können, dass da ein Neurologe über 80-Jährige aufgesucht hat, die Angst hatten vor dem Altwerden. Das fand ich hochdramatisch, dass dann Leute auch noch eine Rechnung gestellt bekommen für eine solche Begegnung. Ich habe hier einen Pfarrer von „Exit“ gehabt. Das ist eine schweizerische Gesellschaft für humanes Sterben. Der Pfarrer besuchte in unserem Hospiz eine Frau, die etwa Anfang 50 war. Der Ehemann hatte ihn darum gebeten. Für mich war erschreckend, dass dieser Pfarrer nach einem maximal viertelstündigen Gespräch, das er mit dieser Frau geführt hatte, auf mich zukam. Er hatte diese Frau noch nie zuvor gesehen. Und nun richtete er im Grunde die Bitte an mich, der Frau ein Medikament zu verschaffen, damit sie zu Tode kommt.

Sterbehilfe kommt für Sie unter keinen Umständen in Frage?

Nein. Würde man Sterbehilfe erlauben, wäre das fatal. Es würde eine rein berechnende Gesellschaft entstehen. Wenn es am Ende auf Effizienz ankommt, also wenn man überlegt, welchen Wert hat ein kranker Mensch und danach das weitere Handeln bestimmt, dann wären wir nur noch eine betriebswirtschaftlich geführte Gesellschaft. Das kann es nicht sein.

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