NDR-Radiophilharmonie in Rendsburg : Märchenhaft, anmutig und fulminant

Dirigent Andrew Manze reichte den Applaus mit ausladender Geste an das Orchester weiter.
Dirigent Andrew Manze reichte den Applaus mit ausladender Geste an das Orchester weiter.

Viel Applaus gab es beim letzten SHMF-Konzert der Saison in der Christkirche.

shz.de von
13. August 2018, 11:00 Uhr

Rendsburg | Etwa eineinhalb Jahrhunderte zurück reichte die Zeitreise im letzten Konzert des Schleswig-Holstein Musikfestivals (SHMF) dieser Saison in der Christkirche. Mit Werken wie der „Zwickauer-Sinfonie“ von Robert Schumann, dem Konzert für Harfe und Orchester von Carl Reinecke und der ersten Sinfonie von Johannes Brahms entführte die NDR-Radiophilharmonie Hannover unter der Leitung von Andrew Manze in eine „Zeit der Monumentalität und Erhabenheit“, wie Dr. Harald Hodeige im Programmheft formulierte.

Robert Schumann und Johannes Brahms taten sich, wissend um die Sinfonien Beethovens, sehr schwer mit ihren sinfonischen Erstlingswerken. Ihre Mühen, die Kämpfe um Ausdruck und nachhaltige Wirkung waren nicht nur hörbar, sondern wurden auch durch die mit allergrößten, weiten Gesten gekennzeichnete Art des Dirigierens auf eindrucksvolle Weise sichtbar. Sie stellte auch eine Übersetzung musikalischer Formen in Bewegungen dar, wodurch wohl keinem Zuschauer der Detailreichtum der Sinfonien entgehen konnte. Es wurde aber auch spürbar, dass Manzes Dirigieren weitaus präziser war als das vom Orchester zu hörende Ergebnis.

Starsolist des Abends war der im französischen Toulon geborene Xavier de Maistre. „Mann spielt Harfe“ gehört in der Musikwelt zu den eher seltenen Kombinationen. In dem 1884 entstandenen Harfenkonzert von Carl Reinecke hatte sich de Maistre akustisch mit dem vor Kraft strotzendem Orchesterklang zu arrangieren – was nicht immer und überall deutlich wahrzunehmen war. Umso genauer lauschte man in der dann mucksmäuschenstillen Christkirche feinen, fast unhörbaren Passagen.

Beste Vorbereitung auf die märchenhaft Stimmung des zweiten Satzes (Adagio); Solist und Dirigent vor großem Publikum, fast wie in einem privaten Zwiegespräch. Dieses Orchester kann also auch anmutig und fein spielen. Betörend wirkte der dritte Satz des Reinecke-Harfenkonzerts. Nach dem verdienten Applaus spendierte Xavier de Maistre aus dem Ballett „El amor brujo“ von Manuel de Falla eine Zugabe vom Allerfeinsten. Oft nur auf der Gitarre gespielt, öffnete Xavier de Maistre mit dieser Fassung das Tor zu einer anderen Musik-Wunderwelt.

Monumental, gewaltig schloss der Abend mit der ersten Sinfonie von Johannes Brahms: Andrew Manze vermittelte sie wieder mit großen Gesten. Zu oft übertrieben heftig, überdeutlich wie für einen Dirigenten-Lehrgang. Teils schon Karikatur. Eine gute halbe Stunde Entwicklung hin zum große Finale. Zugleich Johannes Brahms‘ sinfonischer Sieg über Beethoven nach 15 Jahren Selbstzweifeln.

Bravo-Rufe und stehender Applaus: Höchstes Publikums-Glück in der Christkirche nach diesem fulminanten Kraftbeweis.

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