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Messie-Wohnung : Maden unter dem Kopfkissen

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Der Gebäudereiniger Siegfried Boehm befreit eine verwahrloste Wohnung von Unrat und Dreck. Bei Entrümpelungen ist Sensibilität gefragt. Rund zwei Kubikmeter Müll landen im Anhänger.

Büdelsdorf | Ein regnerischer Morgen, 8 Uhr, irgendwo im Kreisgebiet: Siegfried Boehm (52) weiß nicht, was ihn erwartet, als er die Eineinhalb-Zimmer-Wohnung eines 69-jährigen Rentners betritt. Der Gebäudereiniger hat den Auftrag, eine Messie-Wohnung zu entrümpeln und zu reinigen. Drinnen riecht es muffig und im dämmrigen Licht ist das Ausmaß der Verwahrlosung nicht sofort zu erkennen. „Ich musste mir erst einmal den Weg freiräumen“, sagt er später. Um durch den kleinen Flur ins Wohnzimmer und von dort aus in die Küche und ins Schlafzimmer zu gelangen, legt er Gänge an. Jahrelang muss der Rentner alles gesammelt haben, was ihm in die Hände kam: Alte Zeitungen, Elektrogeräte, leere Flaschen, Sprühdosen und etlicher weiterer Müll liegen stapelweise auf dem Boden. Schränke, Regale, Tische und das Sofa sind voll mit Büchern, einem alten Röhren-Fernseher, Lebensmittelpackungen und viel Krimskrams. Über allem liegt ein schmutzig-fettiger Film.

Solche Wohnungen gehören zum alltäglichen Geschäft von Siegfried Boehm. Seit 35 Jahren ist er Gebäudereiniger, seit 27 Jahren selbstständig. Verwahrloste Objekte machen ihm zufolge rund fünf Prozent seiner Aufträge aus. „Ich frage mich jedes Mal: Wo fange ich an, wo höre ich auf?“, sagt er. Bis kurz vor Mittag ist er mit zwei weiteren Mitarbeitern seines Büdelsdorfer Reinigungsunternehmens nur damit beschäftigt, aufzuräumen. Die Herausforderung dabei ist weniger der Dreck als der Umgang mit den Besitzern der jeweiligen Wohnung. „Die Leute müssen erst mit uns warm werden“, sagt er. Um sie nicht zu verschrecken, muss er sensibel vorgehen. „Wenn es Probleme gibt, muss ich mich aber auch durchsetzen können.“

Die Entrümpelung verläuft ohne Schwierigkeiten. Nach kurzer Zeit hat Boehm den Mieter so weit, dass der selbst mithilft und beginnt, sich von einigen Sachen zu trennen. „Es hilft den Betroffenen oft sehr, wenn sie mit uns anpacken können. Die sind ja meistens krank“, sagt der Firmenchef. Aus der rund 45 Quadratmeter großen Wohnung verschwinden so etwa zwei Kubikmeter Unrat auf Böhms Anhänger. In dem verdreckten Inventar finden sich viele Alltagsgegenstände, die nicht mehr zu gebrauchen sind. Töpfe und Teppiche bekommt auch Boehm mit seinen Mitarbeitern nicht mehr sauber. Unter einem Kissen haben sich bereits Maden eingenistet. Ein Kammerjäger muss aber nicht kommen, da habe er schon schlimmere Wohnungen gesehen, sagt Böhm. Nach der Entrümpelung machen sich die Männer an die Reinigung mit viel Wasser und Seife. Erst am Nachmittag sind sie damit fertig.

Siegfried Boehms Aufträge sind oft gerichtlich angeordnet. Wie der Rentner seine Wohnung so verwahrlosen lassen konnte, weiß er nicht. „Er bringt wohl viel von Flohmärkten mit nach Hause“, sagt er.

Wie oft solche Fälle vorkommen, ist auch dem Kreis-Gesundheitsamt unbekannt. „Wie jemand lebt, betrifft die innerste Privatsphäre“, sagt Kreissprecher Martin Schmedtje. Deshalb werde die Kreisverwaltung selten darauf aufmerksam. Die Beseitigung von Verwahrlosung laufe oft direkt über Eigentümer, Ordnungsämter vor Ort oder kirchliche Einrichtungen.

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erstellt am 20.Jan.2014 | 06:00 Uhr

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