Loblieder aus verschiedenen Sichtweisen

Ausdrucksstark: Der Kammerchor mit Roland Möhle.
Ausdrucksstark: Der Kammerchor mit Roland Möhle.

Neuwerker Kammerchor beeindruckte beim ungewöhnlichen Konzert im Jüdischen Museum

shz.de von
02. Juni 2014, 14:33 Uhr

„Aller Atem preise ihn.“ Passender lässt sich der Inhalt des Konzerts im Jüdischen Museum nicht charakterisieren. Als ehemalige Synagoge ist der Betsaal mit seiner für Redebeiträge eher problematischen Akustik bestens geeignet, das Können eines Kammerchores unter Beweis zu stellen. Hier verstärkte der Nachhall in wunderbarer Weise die Wirkungen des Gesangs.

„O du mein Gott, alle Völker preisen dich. . .“ hatte Christkirchen-Pastor Dr. Stefan Holtmann den Abend eingeleitet. Mit Werken von jüdischen und christlichen Komponisten bereitete der seit 2004 bestehende Neuwerker Kammerchor unter Leitung des früheren Christkirchen-Kantors Roland Möhle ein außergewöhnliches Hör-Erlebnis: Nicht nur wegen der vielfältigen Sprachen Deutsch, Englisch, Hebräisch und Latein, sondern auch wegen des Inhalts. Gegensätzlich zu dem Gesungenen wirkten die teils erklärenden, von Holtmann und dem Hausherrn Dr. Christian Walda vorgetragenen Texte, unter anderem von Heinrich Heine, Rudolf Otto Wiemer, Hans Magnus Enzensberger und Kurt Tucholsky. Sie zeigten Gemeinsamkeiten der Gläubigen auf.

Aus gleichen Epochen bestand der musikalische Teil mit Werken von Salomone Rossi Hebreo und Heinrich Schütz (Barock); Louis Lewandowski, Moritz Hauptmann und Felix Mendelssohn (Romantik); Benjamin Britten und Aaron Copland (20. Jahrhundert). So wurden Veränderungen der Kompositionsstile deutlich.

Vorangestellt waren die Erklärungen zur Bedeutung der insgesamt 150 Psalmen. Für Dr. Holtmann stellen sie das Verhältnis der Gläubigen zu Gott dar. „Es sind Gebete der Moderne.“ Für Dr. Walda sind es Gebete und Loblieder aus jüdischer Sicht: „Zuerst spricht Gott, dann der Mensch.“ Texte und Musik in jüdischer und christlicher Sichtweise, kraftvoll, sicher und gekonnt gesungen von einem christlichen Edel-Chor, führten zu einer einzigartigen Erfahrung.

Ein besonderes Erlebnis vermittelten die Psalmen in hebräischer Sprache. Auch wer ihrer nicht mächtig ist, wurde von der ausdrucksstark gesungenen Form berührt. Der Schlussbeifall setzte zögernd ein, weil sich zunächst niemand traute, an diesem Ort nach dem ungewöhnlichen Gottesdienst mit unbekannter Liturgie zu klatschen.

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