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Haftanstalt in Rendsburg : Letzte Station vor der Abschiebung

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Über das Schicksal von Inhaftierten, die nicht in Deutschland bleiben dürfen.

shz.de von
erstellt am 02.Apr.2014 | 06:00 Uhr

Hell sind die Gänge des Zellenflures. Bunte, gerahmte Fotos von der Schwebefähre und Schiffen zieren den Korridor. Große Fenster an den Enden des Ganges lassen viel Licht herein. Doch daumendicke weiße Stahlstäbe verhindern die Aussicht auf die Umgebung. In der Abschiebehaft ist es kalt. Die massiven Metalltüren in den Gängen und Zellen schirmen die Wärme des lauen Frühlingstages ab.

Heike Kock, Leiterin der Rendsburger Abschiebungshaftanstalt, sitzt selbst in einer Zelle – allerdings in einer ehemaligen. Nur noch eine alte Holztür mit Metallriegeln erinnert daran, dass in ihrem Büro früher Insassen untergebracht waren. Im Gegensatz zu den übrigen Räumen ist es angenehm warm, Grünpflanzen geben dem Raum etwas Wohnliches.

Kock schildert den Alltag der aktuell sieben Häftlinge aus dem arabischen Raum. Morgens um 7.30 Uhr werden die Hafträume aufgeschlossen. Ab 8 Uhr gibt es Frühstück. „Am Vormittag bieten wir Sport im Freien wie Fußball oder Badminton an.“ Um 12 Uhr gibt es Mittagessen. Jeder Insasse wird dazu in seine Zelle eingeschlossen. Die Männer dürfen mitbestimmen, was sie essen möchten. Auf religiöse Bräuche wird Rücksicht genommen. Moslems müssen kein Schweinefleisch verzehren. Am Nachmittag empfangen die Männer Besuch von ehrenamtlichen Helfern oder vertreiben sich die freie Zeit in den Aufenthaltsräumen oder im Sportraum. Es gibt eine Tischtennisplatte, einen Kickertisch, Bücher und Brettspiele.

Ein guter Draht zu den Häftlingen ist Heike Kock besonders wichtig. Das Verhältnis zwischen den Insassen und den 22 Bediensteten sei gut. „Man lacht gemeinsam, scherzt gemeinsam. Wir versuchen, eine soziale Sicherheit herzustellen.“ Sie nennt die Insassen „ihre Jungs“. „Wenn ich mich nicht in die Lage der Männer hineinversetzen könnte, wäre ich hier falsch. Aber ich bin auch für den reibungslosen Ablauf und die Sicherheit meiner Mitarbeiter zuständig. Ich überlege mir, wie es für die Häftlinge am würdevollsten ist.“

Abschiebungshaft ist keine Strafhaft. Sie wird von einem Richter verfügt, wenn es Indizien dafür gibt, dass der Betroffene seiner Ausreisepflicht nicht nachkommt und die Gefahr besteht, dass er untertauchen könnte. Die neuen Gefangenen haben von der Einrichtung oft eine falsche Vorstellung. „Einige Polizisten sagen ihnen, sie kommen in ein Camp und dann ist es ein Knast.“

Allerdings sind die Regeln in der Abschiebungshaft in den vergangenen zwei Jahren gelockert worden. Die Männer dürfen private Kleidung tragen und selber waschen. Jeden Monat bekommen sie 98 Euro Taschengeld, von dem sie eine Prepaid-Karte für ein Handy oder Tabak kaufen können. Kontakt zur Familie halten die Häftlinge über Internet und Handy. Mobiltelefone sind nur erlaubt, wenn sie keine eingebaute Kamera haben. Der Leiter der Justizvollzugsanstalt Kiel, Jan Dose, erklärt den Grund: „Das ist zum Schutz der Bediensteten. So können keine Fotos im Internet hochgeladen werden.“ Tagsüber dürfen sich die Männer im Gebäude frei bewegen. Um 20.30 Uhr werden sie in ihren Hafträume eingeschlossen.

Erste Station: ein Haftraum. Die Zelle ist gefliest und weiß getüncht. Der kleinste Einzelhaftraum ist sechs, der größte neun Quadratmeter groß. Wer glaubt, die größeren Zellen seien beliebter, der irrt. „Es sind die kleineren Räume, weil man dort den Fernseher vom Bett aus bedienen kann“, sagt Kock. Im Durchschnitt bleiben die Männer 28 Tage, ehe sie die Haft verlassen. Es gibt in den Zellen ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl, einen Schrank und ein Waschbecken. Ein Sichtschutz verhindert den Blick auf die Toilette. Zudem verfügen die Männer über einen Wasserkocher und einen Fernseher.

Im Gebetsraum trifft Orient auf Okzident: In einem Holzrahmen mit einer norddeutschen Dünenlandschaft klemmen zwei Zettel mit ausgedruckten Koranversen. Auf dem Boden liegen zwei Wolldecken neben drei orientalischen Teppichen. „Der Gebetsraum wird von allen Männern sehr gut angenommen“, sagt Kock, die die Einrichtung seit 2006 leitet.

Die Flüchtlinge tun sich schwer mit der deutschen Bürokratie und den vielen Vorschriften. Solveigh Deutschmann hilft den Männern durch den Paragrafen-Dschungel. Als ehrenamtliche Mitarbeiterin des Flüchtlingsrates Schleswig-Holstein besucht sie zwei Mal in der Woche die Abschiebungshaft. 1990 berührte sie das Schicksal der Menschen in Bosnien so sehr, dass Solveigh Deutschmann begann, sich zu engagieren. Seitdem begleitet sie Flüchtlinge. „Ich möchte für die Menschen da sein und dafür sorgen, dass es ihnen gut geht“, so ihre Intention. Ihre Schützlinge sind durch Krieg, Folter und Not oft traumatisiert. Deutschmann bezeichnet sie als Entwurzelte: „Sie haben kein Zuhause, nur sich selbst.“ Sie klärt die Männer über ihre Rechte auf, stellt Kontakt zu Anwälten her. „Ich mache ihnen nichts vor“, stellt Deutschmann klar. „Das Fairste, was man machen kann ist, realistische Chancen zu benennen.“ Neben ihrer Beratung möchte Deutschmann eine seelische Stütze sein. „Die Männer langweilen sich.“ Das Einschließen, das Essen getrennt voneinander und die ständige Beobachtung setzen den Häftlingen zu. „Sie haben das Gefühl, kriminalisiert zu werden.“

Genau so fühlt sich Karim (Name geändert). Er wirkt ein bisschen verloren im Besucherzimmer der Haft. Mit verschränkten Armen sitzt der 27-jährige Algerier am Tisch. Seit sechs Jahren ist er auf einer Odyssee durch Europa. Zuerst Italien, dann die Schweiz, Deutschland und Dänemark. Etwas Deutsch hat er in der Schweiz gelernt. Dort lebte und arbeitete er zwei Jahre illegal. Seit 20 Tagen sitzt er in der Abschiebungshaft, nachdem er von der Polizei kontrolliert worden war und keine Papiere zeigen konnte. Mit drei Worten schildert er seine Zeit im Gefängnis: schlafen, spielen, reden. Wie lange er noch bleiben muss, weiß Karim nicht.

Ganz allein verließ er seine Heimat, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Ein Zurück gibt es für ihn nicht. „Ich möchte nicht in den Krieg ziehen“, sagt er. „Freunde von mir sind seit vier Jahren in algerischen Gefängnissen, für nichts.“ Nun ist er in Deutschland, im gelobten Land. Seine Träume sind zerplatzt – in einer Zelle des Abschiebungsgefängnisses.

Wenn sich für ihn die Metalltüren der Haft öffnen, wird er nach Italien geschickt, weil er dort zuerst einen Asylantrag stellte. Dort möchte er bleiben, auch ohne seine Familie, ganz allein.

 

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