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Landeszeitung

13. Dezember 2017 | 07:08 Uhr

Stressfaktor Handy : Lehrer schlagen Alarm

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

80 Mal am Tag greifen Jugendliche zum Mobiltelefon – Schulen steuern mit Workshops gegen.

shz.de von
erstellt am 11.Jul.2017 | 18:51 Uhr

Vom Frühstück wird ein Foto für Instagram gemacht. Auf dem Weg zur Schule die ersten Whatsapp-Nachrichten beantwortet. Ihr Handy legen Jugendliche nur selten aus der Hand. Das führt zu Stress. Immer mehr Schulen sehen sich mit ausgelaugten Jugendlichen konfrontiert. „Über 80 Mal am Tag schauen wir durchschnittlich auf unsere Handys“, weiß Michaela Puchalla. Sie ist Kauffrau für Büromanagement. Im Moment gibt die Berlinerin Seminare zur Stressbewältigung. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Jutta Overmann war sie in der Schule Hohe Geest in Hohenwestedt zu Gast. Einen Tag lang wurden die angehenden Oberstufenschüler im Umgang mit verschiedenen Stressfaktoren geschult.

Gerade die vernetzten Geräte üben einen ungemeinen Druck auf die Jugendlichen aus. „Jeder bekommt alles sofort mit. Und man selbst möchte natürlich auch immer alles sofort mitteilen“, sagt Puchalla. In Hohenwestedt wird unter anderem deswegen der Umgang mit den Handys seitens der Schule geregelt. „Wir erlauben den Schülern den Handygebrauch eigentlich nur in den Pausen“, erklärt Oberstufenleiter René Staben. „Wir haben Schüler, denen es schwerfällt, das Handy für 45 Minuten aus der Hand zu legen“, so Staben. Laut Puchalla können das erste Anzeichen einer Sucht sein.

Die meisten Schulen im Kreis machen Gebrauch von einem mehr oder weniger strikten Nutzungsverbot für Mobiltelefone. Obwohl das Bildungsministerium von einem Handyverbot abrät. Um das Thema „Onlinemedien“ ging es auch in der Gemeinschaftsschule Nortorf. „Wir haben gerade unsere Schulsatzung überarbeitet“, sagt Schulleiter Timo Off. Alle Schüler der fünften bis zehnten Klasse dürfen ihr Handy in der Schule nicht benutzen, die Oberstufe ist von der Regelung ausgenommen. Zur Prävention war gestern zudem eine Theatergruppe zu Gast, die das Thema „Handysucht“ auf der Bühne verarbeitete. Auch an der Theodor-Storm-Grund- und Gemeinschaftsschule des Amtes Hohner Harde gibt es Regeln zur Handynutzung. Wird das Mobiltelefon zu oft in die Hand genommen, können die Lehrer die Geräte einsammeln. Bei den jüngeren Schülern seien die Telefone noch kein Problem. So auch an der Nübbeler Schule. „Mobiltelefone lenken unsere Kleinen noch nicht ab“, sagt Kerstin Bork, Lehrerin an der Schule.

Neben der ständigen Erreichbarkeit kommen bei den meisten Schülern noch Notendruck und Freizeitstress dazu. Auf den Druck reagieren viele von ihnen erst, wenn es schon zu spät ist. „Die Schüler verlieren den Überblick. Es fällt ihnen zunehmend schwerer, Prioritäten zu setzen“, so Schulsozialarbeiterin Brigitte Wendel. Die Symptome des Stresses reichen von Prüfungsangst bis hin zu Absentismus. „Die Jugendlichen tauchen ab. Sie ziehen sich selbst aus ihrem Umfeld heraus“, erklärt Wendel das Phänomen. Die Rahmenbedingungen würden bei manchen Schülern außerdem zu Magersucht führen. Auch Nele Loczenski von der Schule Hohe Geest kennt Stress. „Ich spiele viel Handball. Die Spiele, das Training, Schule und Freunde unter einen Hut zu bekommen, fällt mir nicht immer leicht“, so die 16-Jährige. Um die Problematik zu entschärfen, organisierte die Schule Hohe Geest nun den Workshop mit den zwei Berlinerinnen. Rund 70 Jugendliche nahmen teil. „Das Wichtigste ist, dass sie merken, dass sie gestresst sind, und woher der Stress kommt“, so Puchalla. Erst dann könnten die Schüler ihren Tagesablauf organisieren und innere Konflikte angehen.

In extremen Fällen kann die Handynutzung zur Sucht werden. In Deutschland sind laut Studien rund acht Prozent der Zehn- bis 19-Jährigen davon betroffen. Unter der übermäßigen Nutzung leidet dabei nicht nur die Produktivität, auch trainieren sich Betroffene bestimmte Fähigkeiten ab. Besonders die Kreativität leidet. Von Sucht wird allerdings erst gesprochen, wenn die Nutzung des Mobiltelefons Hobbys, Freundschaften oder schulische Leistungen stark beeinträchtigt. Wer sein Mobiltelefon weniger oft benutzen möchte, kann auf verschiedene Tricks zurückgreifen: Forscher empfehlen ab und zu Offline-Tage einzulegen, bei denen die mobile Datennutzung ausgeschaltet wird. Auch kann man bestimmte Handyfunktionen durch ihre analogen Gegenparts ersetzen. Wer weniger auf das Display schauen will, kann so beispielsweise auf Armbanduhren oder Wecker umsteigen. Gegen das ständige Nachschauen hilft auch, das Smartphone unterwegs in den Rucksack statt in die Hosentasche zu stecken.

> Hilfe und weitere Tipps: Fachverband Medienabhängikeit unter www.fv-medienabhaengigkeit.de.

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