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Von der Taiga nach Norderstapel : Leben in Sibirien – „wie im Paradies“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Stadtleben und Einsamkeit, Karin Haß ist in beiden Welten zu Hause. Vor zehn Jahren entschied sich die Hamburgerin für ein Leben in Sibirien, heiratete einen Ewenken. Jetzt verbringt sie zwei Monate in Deutschland.

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erstellt am 14.Okt.2015 | 06:00 Uhr

Gekocht und geheizt wird mit Holz. Verbindung zur Außenwelt ist ein Satellitentelefon, und der nächste Arzt ist 300 Kilometer entfernt. Karin Haß lebt seit zehn Jahren in der sibirischen Einsamkeit. Dabei „bin ich eigentlich ein Großstadtmensch“, sagt die Hamburgerin. Jedes Jahr kehrt sie für zweieinhalb Monate in ihre Heimat zurück, trifft Freunde, stürzt sich „ins Gewühl“ und berichtet von ihren Erfahrungen – so wie am Donnerstag A bend (15. Oktober) bei den Landfrauen in Norderstapel (19.30 Uhr, Sievers Gasthof).

„Die Umgebung ist paradiesisch“, sagt Karin Haß von ihrer neuen Heimat, dem Dorf Srednjaja Oljokma am Fluss Oljokma. Sie schwärmt vom Blick auf die Flussbiegung, wenn im Herbst das rote Laub der Sumpfheidelbeeren große Flächen bedeckt. Oder wenn sich ab Mitte Mai auf den Wiesen die Blumen in ungeahnter Fülle entfalten. Dazu klares Wasser, das man direkt aus dem Fluss trinken kann, frischer Fisch, Beeren und Pilze aus der Taiga sowie selbstangebautes Gemüse.

Aber die Ursprünglichkeit hat ihren Preis. Jagen, Anbauen, Ernten, Zubereiten – „man muss sich damit arrangieren können, dass man den ganzen Tag für sein Essen arbeitet.“ Diese Umstellung fiel der Großstädterin nicht leicht. Denn, so gesteht sie: „Ich bin keine typische Hausfrau“, hat fast nie gekocht. Karin Haß war Systemanalytikerin, zog ihre Tochter groß und reiste gerne: Kanada, Alaska, die Mongolei waren ihren Ziele. 1998 lernte sie bei einer Faltboottour Sibirien kennen. Fünf Jahre später kam sie wieder. Aus Liebe zum Land und zu einem Ewenken lebt sie nun seit 2005 neun Monate im Jahr in der Taiga.

„Die Umwelt ist absolut rein“, schwärmt die zierliche Frau. Denn im Umkreis von 600 Kilometern und mehr gebe es keine Industrieansiedlungen. Das bedeutet aber auch, dass der Ort nur schwer zu erreichen ist. Ab Deutschland geht es per Flugzeug nach Krasnojarsk, es folgt eine zweitägige Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn und schließlich eine 300 Kilometer lange Fahrt im offenen Motorboot auf der Oljokma. Im Winter fahren Autos über die zugefrorenen Flüsse.

Ab Mitte Oktober sinken die Temperaturen in den Minusbereich, so dass Karin Haß ihre Kühltruhe ausschalten kann. „Dann ist es draußen kälter als in der Truhe“, lacht sie, und die Landschaft wird von unter einer dicken, weißen Decke eingehüllt. Der Fußboden der traditionellen Holzhäuser liegt eineinhalb Meter über der Erde und isoliert auf diese Weise gegen die Kälte. Im Vorbau lagern dann säckeweise Grundnahrungsmittel wie Mehl und Zucker. Der Treibstoff für Generator, Boot und Schneescooter muss zu diesem Zeitpunkt aus einem 350 Kilometer entfernten Ort herbeigeschafft worden sein.

Für die Versorgung mit Fleisch ist Slava zuständig. Der Mann von Karin Haß ist Ewenke. Als Ureinwohner Sibiriens hat er das Recht, ohne Lizenz für den eigenen Bedarf zu jagen: Elche, Hirsche, Auerwild oder Moschustiere (eine Art Hirsche). Manchmal ist er drei Wochen am Stück unterwegs. Karin Haß verarbeitet anschließend die Nahrungsmittel dann auf traditionelle Art und Weise. „Nach Rezeptbuch kann ich nicht kochen“, sagt sie.

Ab und an vermisst Karin Haß ihre Tochter und die Enkelkinder, bedauert, dass sie nicht öfter mit ihnen zusammen sein kann. Auch der Austausch mit Gleichgesinnten fehlt ihr manchmal. Inzwischen spricht sie zwar Russisch. „Nicht besonders elegant, aber ich kann mich verständigen.“ Und es sei eine freundliche Nachbarschaft im Dorf, sagt sie. Doch die Lebenshintergründe seien sehr unterschiedlich. Daher liest sie sehr viel. Die Entscheidung für Slava und Sibirien hat die Hamburgerin dennoch nie bereut. Stadt und Einsamkeit - „finde ich toll, dass ich beides haben kann“.

> Die Ewenken sind ein aus zahlreichen regionalen Gruppen und Clans bestehendes indigenes Volk. Ewenkische Gruppen leben über ein Gebiet verstreut, das größer ist als Europa – die Mehrheit in Sibirien, aber auch in der Mongolei und in der Volksrepublik China gibt es Ewenken.


> Die 1436 Kilometer lange Oljokma ist ein rechter Nebenfluss der Lena in Sibirien.

> Das Dorf Srednjaja Oljokma liegt inmitten der Taiga am Fluss Oljokma und ist umgeben von bewaldeten Hügelketten.

> Informationen im Internet über Karin Haß und ihr Leben in Sibirien: www.taigaleben.de


> Bücher von Karin Haß sind im NWM-Verlag Grevesmühlen und im

Malik-Verlag erschienen.

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