Palliativbehandlung zu Hause : Leben im Angesicht des Todes

Abschied auf Raten: Helmut und Edeltraut Schnuchel wissen, dass ihre gemeinsame Zeit begrenzt ist.
Abschied auf Raten: Helmut und Edeltraut Schnuchel wissen, dass ihre gemeinsame Zeit begrenzt ist.

Edeltraut Schnuchel hat Krebs und wird daran sterben. Trotzdem oder gerade deshalb macht sie das Beste aus jedem einzelnen Tag, der bleibt.

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03. September 2017, 09:00 Uhr

Wer sich mit Edeltraut Schnuchel unterhält, erlebt einen fröhlichen, direkten Menschen mit strahlenden Augen. Die 62-Jährige ruht in sich und bereut nichts. Und sie hadert mit nichts. Auch nicht mit ihrem Schicksal, das kein langes und gesundes Leben für sie bereithält. Die Hohenwestedterin ist unheilbar an Krebs erkrankt. Ein Tumor sitzt in der Speiseröhre, viele Metastasen in der Leber. Geheilt werden kann Schnuchel nicht mehr, also macht sie das Beste aus der Zeit, die sie noch hat. Jeden Tag aufs Neue.

Anfang des Jahres ließ sich die Rentnerin wegen Bauchschmerzen untersuchen. Magen- und Darmspiegelungen sollten Licht ins Dunkel bringen. „Bei dem anschließenden Gespräch knallte mir der Arzt sehr drastisch das Ergebnis vor den Kopf. Es lautete zunächst Speiseröhrenkrebs – und der ist inoperabel, weil der Tumor ungünstig sitzt und schon zu groß ist. Dann sagte der Arzt, dass ich daran sterben würde und der Tod nicht allzu lange auf sich warten lassen würde.“ Weil sie noch etwas benommen war von der Narkose, habe sie diese Diagnose eher ulkig gefunden, sagt sie. Ehemann Helmut hingegen kamen sofort die Tränen. „Was der Arzt gesagt hat, wurde mir erst nachmittags bewusst. ‚Was ist das denn für ein Mist – hat er gesagt, dass ich sterben muss?‘, habe ich mich dann gefragt.“

Während der Arzt das Paar ohne Ratschläge, Medikamente oder neuen Termin nach Hause geschickt hat, half ohne zu zögern Dörte Schwank vom Ambulanten Hospizdienst Hohenwestedt. Schnuchel kannte sie, weil sie sich selbst erst kurz vor der Diagnose zur ehrenamtlichen Hospiz-Mitarbeiterin hatte ausbilden lassen. Schwank war es auch, die den Kontakt zum Palliative Care-Team 24 (PCT) des Kreises Rendsburg-Eckernförde herstellte. Dessen Mitarbeiter leisten schwer kranken und sterbenden Menschen schnelle und unbürokratische Hilfe. „Innerhalb eines halben Tages können wir ein komplettes Krankenzimmer einrichten“, erklärt PCT-Koordinatorin Ute Lieske. Dafür müssen zwar ein paar Kriterien erfüllt sein, aber wer die Dienste des PCT in Anspruch nehmen kann, bekäme das „Rundum-Sorglos-Paket“, sagt die 54-Jährige. Sie und ihre Kollegen kümmern sich um alle Themen, die mit einer so schweren Diagnose auf einmal auftauchen können – von der Vorsorgevollmacht bis zum Krankenbett. Das Team steht nicht nur den Kranken, sondern auch den Angehörigen zur Verfügung. Oberstes Ziel ist es, den Betroffenen in dieser so schwierigen und belastenden Situation Sicherheit zu geben und Lebensqualität zu schenken.

Viel Lebensqualität empfindet auch Edeltraut Schnuchel, weil sie zu Hause sein kann und trotzdem im Notfall rund um die Uhr Hilfe bekommt – Arzt und Pflegedienst sei Dank. Hilfe bekommt auch ihr Ehemann. Für den 66-Jährigen ist mit der Diagnose die Welt untergegangen. „Am Anfang habe ich nur geheult. Meine Frau geht ganz anders damit um als ich. Es ist gut, dass sie so stark ist. Ich weiß gar nicht, was ich machen sollte, wenn sie nur dasitzen und jammern würde.“ Stattdessen hegt und pflegt die 62-Jährige viel lieber ihren Garten, füttert Eichhörnchen und Vögel, streichelt ihre Katze und lässt sich ein wenig verwöhnen. Früher hätte sie das nicht zugelassen und sich lieber um andere gekümmert, sagt sie. Jetzt aber geht es ihr manchmal so schlecht, dass sie es genießt, dass sich auch mal alles um sie dreht. Und wenn sie einen guten Tag hat, macht sie das, worauf sie wirklich Lust hat, „weil meine Zeit so begrenzt ist“. Und weil sie sich die Dinge eigentlich so ungern aus der Hand nehmen lässt, will sie bald ihre eigene Beerdigung planen. Ihr Mann betont immer wieder, dass er dann nicht mitgehen kann – es aber natürlich trotzdem tun werde. Er will sich nicht mit dem Sterben und dem Tod beschäftigen. Und vor allem nicht mit einem Leben ohne seine Frau. „An diesen Gedanken werde ich mich nicht gewöhnen.“

Krankheit und Tod sind aber auch für Edeltraut Schnuchel nicht immer präsent. „Fragen wie ‚Was wäre, wenn?‘ oder ‚Warum ich?‘ stelle ich mir nicht. Es hat ja keinen Zweck.“ Stattdessen freue sie sich über jeden Morgen, an dem sie aufwacht, über schöne Tage und blühende Blumen. Das sei etwas, was die Krankheit sie gelehrt habe: Dass es sich lohnt, für die kleinen Dinge dankbar zu sein, die man im Alltag leicht vergisst. Weil auch sie nicht selbstverständlich sind. Überhaupt empfindet Schnuchel Dankbarkeit – für Hilfe, gute Tage und ihren Ehemann, der an ihrer Seite ist. Sie weiß, dass ihre Lebenserwartung nicht mehr in Jahren zu messen ist. Ziele, die sie noch erreichen will, wie Weihnachten oder den Geburtstag ihres Enkels, steckt sie sich lieber nicht. „Wenn es danach geht, bin ich ja nie bereit zu sterben“, sagt sie und lacht.

Sie glaubt daran, dass ihr Körper ihr sagt, wenn er nicht mehr ums Leben kämpfen möchte. „Und wenn es soweit ist, dann bin ich jetzt schon neugierig, was danach kommt. Ich glaube nicht, dass mit dem Tod alles zu Ende ist, es ist vielmehr ein Kreislauf.“ Und sie glaubt, dass alles für irgendetwas gut ist. Deshalb ist sie mit ihrem Schicksal im Reinen.

Hilfe durch das Palliative Care-Team 24

> Das Palliative Care-Team (PCT) 24 Rendsburg-Eckernförde gibt es seit 2011. Träger ist die Pflege Lebensnah.

> Palliativmedizin kommt zum Einsatz, wenn eine Krankheit nicht heilbar ist. Ziel ist es, Symptome wie Übelkeit oder Schmerzen zu lindern und den Menschen ganzheitlich zu begleiten.

> Das PCT will Menschen in der letzten Lebensphase Sicherheit geben und vernetzte Hilfe anbieten. Möglich ist das, weil hier unter einem Dach die Dienstleistungen von Apotheken, Sanitätshäusern, Seelsorgern oder Trauerbegleitern gebündelt und entsprechend der Bedürfnisse des Patienten koordiniert werden.

> Zum PCT-Team gehören auch in Palliativmedizin weitergebildete Ärzte, erfahrene Pflegefachkräfte und Psychologen.

> Die Hilfe können alle Menschen in Anspruch nehmen, die nicht mehr gesund werden. Die Patienten müssen nicht bereits im Sterben liegen. Bisher wird die Hilfe durch das PCT meist erst sehr spät in Anspruch genommen.

> Wenn möglich, wird eine Versorgung zu Hause, die sogenannte spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV), angestrebt. Das soll möglichst viel Lebensqualität erhalten. Die Leistungen sind kostenfrei und pflegestufenunabhängig.

> Eine 24-Stunden-Rufbereitschaft für eingeschriebene Patienten stellt die ständige Erreichbarkeit sicher, das soll Sicherheit im Krisenfall geben. Auch die Angehörigen bekommen Unterstützung.

> Weitere Informationen im Internet unter www.pct-24.de oder montags bis freitags telefonisch unter 043  31  /  337  22  78.

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