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Gerichtsprozess : Lauenroth brachte eine Bibel mit

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Angeklagter vor dem Schwurgericht: Tötung eines Finanzbeamten sei nicht geplant gewesen, sondern Verkettung unglücklicher Umstände.

Die große Aufmerksamkeit, die Olaf Lauenroth als Steuerberater und Kommunalpolitiker stets gesucht hat, wurde ihm gestern zuteil. Als der Rollstuhlfahrer kurz vor 9.30 Uhr von zwei Justizbeamten in den Schwurgerichtssaal des Kieler Landgerichts begleitet wurde, erwarteten ihn 40 Zuhörer und etwa ein Dutzend Journalisten. Er machte keinerlei Anstalten, sein Gesicht zu verdecken. Stattdessen blickte er mit versteinerter Miene in die Fotoapparate und Fernsehkameras, holte aus einer Papiertüte eine Bibel und ein Buch von Kaffka hervor und legte beides vor sich auf den Tisch.

Eine Gefühlsregung war auch nicht zu erkennen, als Staatsanwalt Dr. Achim Hackethal die Anklage vortrug. Lauenroth wird beschuldigt, am 1. September im Rendsburger Finanzamt einen leitenden Beamten heimtückisch erschossen zu haben. Nach Ansicht der Ermittler hat er mit dem Mann in dessen Dienstzimmer sprechen wollen, damit dieser nicht entkommen kann. Dann zog der mutmaßliche Täter eine Waffe. Drei Schüsse trafen das Opfer. Ein Projektil zerfetzte die Beckenschlagader und blieb in der Wirbelsäule stecken, die anderen durchschlugen Leber und Lunge. Der Schwerverletzte starb im Krankenhaus an einem massiven Blutverlust.

Was hat zu dieser Tat geführt? Um Anhaltspunkte zu finden, durchleuchtete das Schwurgericht unter Leitung des Vorsitzenden Richters Jörg Brommann den Lebenslauf des 55-jährigen Angeklagten. Und Lauenroth zeichnete von sich das Bild eines Mannes, der es nie leicht gehabt hat, der von gesundheitlichen Schicksalsschlägen gepeinigt wurde, im Alter von elf Jahren an Morbus Bechterew erkrankte und dem Ausbilder, Arbeitgeber und Behörden stets Knüppel zwischen die Beine warfen. Als er davon erzählte, wie er mehrfach durch die Prüfungen zum Steuerberater und Wirtschaftsprüfer gerasselt war, zeigte er erstmals Gefühle. Mit tränenerstickter Stimme deutete er an, dass seine Prüfer es ihm schwer gemacht haben.

Vor 20 Jahren wagte er als Steuerberater den Sprung in die Selbstständigkeit. Offenbar gab es schon kurz darauf erste Konflikte mit dem Finanzamt, die später ausuferten. Lauenroth berichtete, dass Mitarbeiter des Finanzamtes ihn bei seinen Mandanten schlecht gemacht hätten. Ihnen sei empfohlen worden, den Steuerberater zu wechseln, weil Lauenroth unfähig sei. Der Angeklagte erklärte sich das damit, dass er den Finanzbehörden viel Arbeit gemacht habe. Er habe zugunsten seiner Mandanten zahlreiche Einsprüche gegen Steuerbescheide eingelegt. „Das ist der Finanzbehörde lästig geworden.“

In den Tagen vor der Tat eskalierte die Situation. Eine Mandantin kündigte die Zusammenarbeit auf, laut Lauenroth weil sein späteres Opfer – der leitende Finanzbeamte – Druck ausgeübt habe. Auch der nächste Kunde „wackelte bereits“. In der Nacht zum 1. September habe er gegen seine körperlichen Schmerzen Medikamente eingenommen „und noch einen Whisky draufgekippt“: „Das war nicht so gut.“ Lauenroth reinigte und lud seine Beretta-Pistole, die er in die Hosentasche steckte, wo er sie vergessen haben will und daher am nächsten Tag unabsichtlich ins Finanzamt mitnahm. Als er auf sein Opfer wartete und die Schmerzen stärker wurden, griff er in seine Hemdtasche und nahm zwei Pillen ein. In der Hemdtasche befanden sich mehrere Patronen. Auch die will er dort vergessen haben. Dann kam der Finanzbeamte.

Ein weiteres Mal zeigte Lauenroth Gefühlsregungen, als er nach einer viertelstündigen Sitzungspause eine persönliche Erklärung abgab. Langsam erhob er sich aus dem Rollstuhl, seine Beine schlotterten. Dann sah er zum ersten Mal zu der Witwe des Opfers herüber, die sechs Meter von ihm entfernt am Tisch der Nebenklage saß. Er bat Gott, die Witwe und seine eigene Frau um Vergebung. „Ich habe nach einem langen seelischen Leidensweg die Kontrolle über mich verloren. Die Tat war nicht geplant, bösartig oder arglistig, sondern eine Verkettung vieler unglücklicher Umstände.“

Schließlich konnte man erahnen, warum er die Bibel mitgenommen hatte – Zeichen eines Menschen, der als geläutert, aber gleichzeitig selbst als Opfer erscheinen will. Er wolle sich stärker Gott zuwenden, mit dem Gefängnispfarrer ins Gespräch kommen, beim Gottesdienst mithelfen. Was er nicht will, hatte er bereits zuvor gesagt. Lauenroth klagte darüber, täglich 23 Stunden in einer Zelle eingesperrt zu sein.

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