zur Navigation springen
Landeszeitung

23. August 2017 | 18:21 Uhr

Klar, packend, provozierend

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Landestheater setzt mit „Schulden“ ein Sachbuch und ein immer wieder aktuelles Thema in Szene

„Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ lautet der Titel des mehr als 600 Seiten starken Sachbuchs von David Graeber. „Schulden – von Macht, Moral, Wahn und Witz“ auf der Bühne der Kammerspiele zeigt auf eindrucksvolle Weise die weitreichende Macht des Geldes. Ein Augenöffner und eine Kampfansage an die Bonus-Gier von Bankern, den Räubern mit ersten Geschäftsadressen im Edelzwirn.

Kathrin Mayr (Ausstattung) und André Becker (Dramaturgie) haben des Thema gekonnt in Szene und Szenen gesetzt, inspiriert von dem Sachbuch, Zeitungsartikeln und anderen Veröffentlichungen. Heraus kam ein Drama der feinsten Art – auch ein Spiegel einer Gesellschaft, die Geld vom ursprünglichen Hilfsmittel zum Tausch von Waren in einen papierenen Goldesel verwandelt hat.

Geld – Freund oder Feind? Stellvertretend wurden Methoden und Leben gieriger Bonus-Banker in den USA als Ursache der größten Bankrott-Bankenkrise (2008) aller Zeiten gezeigt. Geld als Gottersatz? Teilweise scheint es so zu sein, wie es in dem textlich angepassten „Vater unser“ geschildert wurde. „Welcome to money land!“ Geld regiert die Welt – das wissen wir längst. Wie es als Schulden mächtig in Staats- und Privatleben eingreift, zeigen Lisa Karlström, Meike Schmidt, Lorenz Baumgarten, Deniz Ekinci und Reiner Schleberger auf drastische Weise mit Unmengen Knüllpapier und großer Rauch-/Windmaschine nach dem Crash.


„Du bist hässlich, aber kannst dir die schönste Frau kaufen!“


Bühnenbild und Kostüme von Fabian Wending inklusive Nacktauftritten von Lorenz Baumgarten demonstrierten anstrengend deutlich den Zusammenbruch eines auf Ignoranz basierenden und mit viel krimineller Energie entstandenen Geldvermehrungs- und Geldverschiebungssystems. Nichts mehr war spürbar von dem ursprünglichem Zweck: Das Geld ist um des Tauschens willen erfunden worden. „Geld reduziert Menschen zu Zahlungsschnittstellen“, demonstriert die geballte Verachtung gieriger Geldhaber ihren Kunden gegenüber, denen sie Kredite aufschwatzen. Vom Zauber der Kreditkarte bis zum Wertverlust teurer, auf Kredit gekaufter Gegenstände wurde gezeigt, dass die Damen und Herren im Edelzwirn ausschließlich daran interessiert waren, Verträge mit hohen Boni zu ihrem eigenen Vorteil abzuschließen. Denn sie wollten „Winner“ sein. Das Ganze endet in der utopischen Idee einer „Amnestie für alle Schuldner ohne Ausnahme“.

600 Seiten Sachbuch als Erlebnis auf der Bühne: Klares Finanzweltverständnis aus der Sicht von betroffenen Kreditnehmern. Dramatisch klar, packend, provozierend. Wenn auch zum Schluss die Erkenntnis steht, dass „ein Kredit in Geld für dich die Zukunft (sofort) verfügbar macht“. Dennoch ist das Stück eine Kampfansage an die Gier, sowohl auf der Gläubiger- als auf der Schuldner-Seite. Wer genügend Geld hat, für den bleibt es ein Freund. Wenn es nicht reicht, um Wünsche zu erfüllen, wird es schnell zum Todfeind – vor allem, wenn das Geliehene nicht zurückgezahlt werden kann. Da gilt es, die eigene Gier zu reduzieren. Die Kreditkarte ist kein Goldesel, sondern ein tiefer Sumpf im Portemonnaie, den man leicht austrocknen könnte.

>Die nächste Vorstellung findet in Rendsburg am 22. Januar 2016 statt.

zur Startseite

von
erstellt am 25.Okt.2015 | 16:03 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen