Klänge, die selbst unruhige Geister beruhigen können

Peter Köhler am Cello. Foto: Frank
Peter Köhler am Cello. Foto: Frank

Beim 6. Sommerkonzert in St. Marien war Improvisation Trumpf

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03. August 2012, 08:02 Uhr

Rendsburg | In diesem Schaltjahr gibt es garantiert ein Konzert an jedem Tag in einer Kirche Deutschlands. Und auch St. Marien in Rendsburg reiht sich ein. Insgesamt werden es 366 Konzerte an wechselnden Orten sein, inklusive eines Extra-Konzerts, das am Osterfest gegeben wurde. Sie alle dienen der Vorbereitung auf das Martin-Luther-Jubiläum 2017. In Augsburg hatte die Konzertstafette durch Deutschland begonnen, enden wird sie am 31. Dezember in Zittau mit dem 367. Konzert. Abweichungen vom Alphabet sind zwischendrin erlaubt, jedoch keine freien Tage.

Das 6. St. Marien-Sommerkonzert fügte sich bestens in die Reihe: So besonders wie das Projekt "366+1, Kirche klingt 2012" war auch die Rendsburger Veranstaltung mit der Nummer 214. "Improvisation und Komposition" hatten Peter Köhler (Cello, Gitarre, Live-Elektronik) und Volker Linhardt (Orgel) ihr Programm passend zum Thema der Woche, "Morgenlicht leuchtet", überschrieben.

"Ich wünsche Ihnen und mir ein spannendes Konzert. Es wird viel improvisiert. Ich weiß selber noch nicht, was dabei herauskommt", schloss Volker Linhardt seine Begrüßung ab.

Zunächst erklang Gewohntes: Von der großen Orgel "Wie schön leuchtet der Morgenstern", danach wurden die Klänge zum ersten Mal mit der Improvisation "Oriental" von Peter Köhler ungewöhnlich. Er nutzte Elektronik, um sein Cello- und Gitarrenspiel im Spezial-Computer aufzunehmen und es sich in einer Endlos-Schleife wiederholen zu lassen. "Wenn er nicht spielt, spielt er doch" hatte Linhardt vorher erklärt.

Zuerst spielte Peter Köhler ein Begleitmotiv ein, startete dabei mit dem Fußschalter den Endlos-Durchlauf, so dass er nun passend dazu in einer weiteren Stimme auf dem Cello improvisieren konnte. So erklang dasselbe Cello zweimal gleichzeitig: Gezupft für den Rhythmus, gestrichen mit der orientalisch anmutenden Melodie. Sechs Minuten Neuklang, lang genug für den Anfang. Schön, aber auch eine Geduldsübung mit Vorbereitung auf den gedanklichen Abschied vom Alltag. Diese Musik beruhigte auch unruhige Geister, die, zunächst ungeduldig das Ende abwartend, von beiden Künstlern schließlich doch mit ihrem Spielen eingefangen wurden.

Köhler und Linhardt improvisierten nicht nur allein, sondern auch gemeinsam: Reizvolle Klänge durchströmten die Kirche, vom Altar schräg von unten bis zur gegenüberliegenden Orgel hinten oben. Sie zeigte die große Kunst, sich auf diese Entfernung zu verständigen und zusammen zu spielen. Mittelpunkt des Programms bildete das gälische Volkslied "Morning has broken", das als Nummer-1-Hit in den 70-er Jahren durch Cat Stevens bekannt wurde. Drei Haltungen gab es dabei im Publikum zu beobachten: Freude darüber, es überhaupt in der Kirche zu erleben; Freude darüber, es in vielen Variationen und abgewandelt zu hören; aber auch Ratlosigkeit, es instrumental abgewandelt und jazzig inspiriert dargeboten zu bekommen.

Klangmalerisches kam auch nicht zu kurz: Volker Linhardt schloss das Konzert mit dem "Sonnenhymnus" des 1971 gestorbenen Max Drischer. In zehn Minuten wird darin vom leisen Anfang bis zum hellen und laut strahlenden Schluss die Entwicklung des Lichts gezeigt: Vor dem inneren Auge stand die Sonne zum Schluss hell strahlend hoch am Himmel.

"Das hätte man aufnehmen müssen" freute sich eine begeisterte Besucherin nach dem Konzert. Mit dieser Meinung war sie nicht allein. Volker Linhardt stimmte ihr zu. "Das nächste Mal denken wir daran."

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