zur Navigation springen

Hilfe im Advent : „Kinderarmut ist nicht tolerabel“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Landespastorin Petra Thobaben kritisiert die Sozialpoltik und freut sich über die Spendenbereitschaft der Rendsburger zugunsten der Kindertafel.

Vor einer Woche begann die Hilfsaktion – und sie ist schon jetzt ein Erfolg. Bereits 10 005 Euro haben die Leserinnen und Leser der Landeszeitung zugunsten der stark defizitären Rendsburger Kindertafel gespendet. Landespastorin Petra Thobaben ist dankbar für dieses Engagement. Unser Redaktionsmitglied Dirk Jennert sprach mit ihr über Kinderarmut und wie die Tafel gegensteuern kann.

 

Frau Thobaben, in einem reichen Land wie der Bundesrepublik dürfte Kinderarmut eigentlich kein Thema sein. Dennoch ist jedes dritte Kind in Schleswig-Holstein von Armut betroffen, frisches Obst und Gemüse gibt es für die betroffenen Kinder selten. Was läuft da falsch?

Thobaben: Hier zeigen sich die Folgen einer schwierigen Sozialpolitik. Man hätte bei der Einführung der Hartz-Gesetze weitaus stärker darauf drängen müssen, hilfsbedürftige Familien mit Kindern besser zu versorgen. Der tägliche Essenssatz für ein Kind zwischen sieben und 14 Jahre liegt bei lediglich 3,32 Euro. Wie soll man damit ein vernünftiges Essen kochen? Unsere Gesellschaft ist relativ schadlos durch alle Banken- und Wirtschaftskrisen gekommen. Da ist es skandalös und nicht tolerabel, dass Kinder in Armut aufwachsen.

 

Ein Ausdruck dieser Armut ist der Zuspruch, den die 52 Tafeln im Land erfahren, 30 davon werden von der Diakonie betrieben. Ohne die Tafeln würde es offenbar nicht gehen.

Das ist richtig. Man kann es nicht ganz von der Hand weisen, dass der Staat darauf setzt, die Wohlfahrtsverbände würden es schon irgendwie richten. Die Tafeln entlasten den Staat auf ganz erhebliche Weise. Aber das kann auf Dauer keine Lösung sein. Wir müssen dazu kommen, dass die Transferleistungen des Staates an bedürftige Menschen so geschnitten werden, dass sie ein vernünftiges Auskommen erlauben.

 

Viele Ihrer Tafel-Besucher leben von Hartz IV oder Arbeitslosengeld. Es sind aber auch Menschen darunter, die einen Job haben. Was macht diese bedürftig?

Es gibt in der Bundesrepublik viele Beschäftige, die so wenig verdienen, dass sie zusätzliche Hilfen in Anspruch nehmen müssen. Wer einen 400-Euro-Job hat, hat es meist sehr schwer, einen regulär bezahlten Arbeitsplatz zu bekommen. Deswegen setzen wir als Diakonie uns seit fünf Jahren für einen Mindestlohn von 8,50 Euro die Stunde ein.

 

Wie wirkt sich die Armut der Eltern auf die Kinder aus?

Ein Kind muss ungeheuer stark sein, um damit umzugehen. Kinder definieren sich über das, was sie haben und was sie sehen. Kinder, die nicht mit auf eine Klassenfahrt gehen können, weil die dafür nötigen 50 Euro nicht vorhanden sind, oder die im Fußballverein nicht mitmachen können, weil ihnen das Geld für die Fußballschuhe fehlt, fühlen sich ausgegrenzt. Und dann gibt es zwei Möglichkeiten: Die einen ziehen sich zurück, die anderen zeigen ein nichtkonformes Verhalten. Immer zu kurz zu kommen, kann zu einem Lebensthema werden.

 

Die Kindertafel wirkt dem entgegen, versorgt in Rendsburg mehr als 120 Mädchen und Jungen mit frischen Lebensmitteln.

Aber nicht nur das. Sie gibt den Kindern durch ihr Wirken das Gefühl, etwas wert zu sein. Hier dürfen die Kinder Kind sein. Hier werden sie wahrgenommen als kleine Menschen. Wenn die Kindertafel sie zu einem Kinobesuch oder zu einer Fahrt in den Tierpark Hagenbeck einlädt, dann ist das auch als Wertschätzung den Kindern gegenüber zu verstehen. Aber natürlich ist die Versorgung mit Lebensmitteln ein ganz wichtiger Arbeitsschwerpunkt. Die meisten Kinder bekommen nur bei der Tafel die einzige normale Mahlzeit am Tag.

 

Die Rendsburger scheinen diese Arbeit zu schätzen. Ein Indikator ist die enorme Spendenbereitschaft zur Rettung der Kindertafel.

Das Spendenaufkommen zeigt, dass den Rendsburgern die Kinder wichtig sind. Ich danke allen, die das unterstützen. Diese Aktion erinnert mich an ein Wort aus Afrika: „Es braucht ein ganzes Dorf, um Kinder großzuziehen.“

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen