Kanalgeflüster : Keine Überraschung

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30. März 2013, 08:58 Uhr

Man muss schon genau auf die Wortwahl achten. Als die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung in dieser Woche verkündete, dass die Sanierungszeit des Tunnels sich jetzt insgesamt um ein Jahr verlängert, war von "unvorhersehbaren Schwierigkeiten" die Rede. Das heißt: Bei den Arbeiten ist ein Problem aufgetreten, von dem die Ingenieure vorher nichts wussten. Mehr noch: Die Formulierung enthält zudem noch die Botschaft, dass sie davon auch gar nichts wissen konnten. Ein selbst erteilter Freispruch sozusagen.

Es mag ja auch richtig sein, dass die 50 Jahre alten Baupläne nicht ganz korrekt oder wenig aussagekräftig sind. In den vergangenen anderthalb Jahren Bauzeit wurden im Tunnel so viele Überraschungen entdeckt, dass es inzwischen keine Überraschung mehr ist, wenn wieder mal ein neues Problem auftaucht.

Wie auch immer: Es ist jedenfalls vorhersehbar, dass der jetzt für Ende 2014 angekündigte Abschluss der Sanierung auch nicht eingehalten werden kann. Alles andere wäre eine Überraschung.

Jetzt kommt die Stadt Nortorf um das ungeliebte Thema nicht mehr herum: Am 23. April bekommt die Stadtverordnetenversammlung endlich einen Beschlussvorschlag auf den Tisch. Thema: Aberkennung der Ehrenbürgerwürde von Nazi-Diktator Adolf Hitler und seinem mörderischen Reichskommissar Hinrich Lohse. Es hat in Nortorf zwar etwas länger gedauert, aber jetzt haben die Stadtvertreter die Gelegenheit, einen Schlussstrich unter die ganze Sache zu ziehen. Und sie sollten sich bei ihrem Votum nicht davon beeinflussen lassen, dass ihnen das Thema von hartnäckigen Bürgern und einer Veröffentlichung in der Zeitung aufgedrängt wurde. Es geht nicht um persönliche Befindlichkeiten, sondern allein um das deutliche Signal, dass sich die Stadt von Hitler und Lohse distanziert. Dass jeder Stadtvertreter diese Einstellung tief in sich trägt, ist selbstverständlich. Wegen der langwierigen Diskussionen über Jahre hinweg ist jedoch ein deutliches Zeichen nach außen notwendig. Und das können die Stadtvertreter jetzt setzen.

Eigentlich erreicht Pierre Gilgenast erst am 10. April die 100-Tage-Grenze als Rendsburger Bürgermeister. Aber die Probleme der Stadt sind schwerwiegend, da darf man vor einem ersten Fazit schon mal zehn Prozent Dringlichkeits-Rabatt berechnen.

Schon nach den ersten drei Monaten wird deutlich, dass Gilgenast ein ganz anderer Typ Bürgermeister ist als sein Vorgänger Andreas Breitner. Statt mit inhaltlichen Themen an die Öffentlichkeit zu drängen, führt Gilgenast viele Gespräche, strukturiert leise die Verwaltung um und legt ohne großes Trara Fundamente, wie er selbst sagt. Aber wie auch immer man das Amt anpackt - gemessen wird jeder Bürgermeister letztlich an handfesten Ergebnissen. Aber dafür müssen ihm mehr als 90 Tage eingeräumt werden.

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