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Kreis Rendsburg-Eckernförde : Kaum noch Hausgeburten möglich

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Hohe Berufshaftpflichtprämien bringen freiberufliche Hebammen in Not. Im Kreis Rendsburg-Eckernförde halten zurzeit nur drei durch.

shz.de von
erstellt am 18.Feb.2015 | 06:00 Uhr

„Frauen sollen die Wahl haben, wo sie ihre Kinder bekommen“, findet Hebamme Maike Pagel-Feldmann. Die Möglichkeit einer Geburt im vertrauten Zuhause oder im persönlichen Umfeld eines Geburtshauses könnte aber bald der Vergangenheit angehören.

Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen werden laut Pagel-Feldmann zu wenig Hebammen ausgebildet, die dann wiederum am liebsten in den städtischen Ballungsgebieten bleiben. Zum anderen macht den Geburtshelferinnen eine enorm hohe Haftpflichtprämie zu schaffen.

Im Kreis Rendsburg-Eckernförde gibt es 76 aktive Geburtshelferinnen, die im Hebammenverband Schleswig-Holstein gelistet sind. „Die Zahl wäre in Ordnung, wenn sich die Hebammen räumlich besser verteilen würden“, so Pagel-Feldmann. Im südlichen Kreisgebiet gebe es zu wenig Geburtshelferinnen. „In und um Hohenwestedt beispielsweise gibt es keine Hebamme mehr.“ Vor allem in puncto Schwangerschafts- und Wochenbettbetreuung hat das zum Teil Auswirkungen. „Die Wochenbettbetreuung wird auf dem Land immer weniger, weil viele Hebammen das nicht mehr anbieten, sondern nur noch in Kliniken die Geburten begleiten. Die Möglichkeit einer Hausgeburt gibt es dort deshalb auch nicht.“

Hinzu kommt, dass Hebammen das Risiko der Geburtshilfe teuer versichern müssen: Freiberufliche Hebammen, die Geburten betreuen, müssen ab dem 1. Juli eine Berufshaftpflichtprämie in Höhe von 6223 Euro pro Jahr zahlen – im Vergleich zum aktuell gültigen Versicherungssatz ein Anstieg um 23,5 Prozent. Eine Alternative haben die Hebammen dabei nicht: Es gibt bundesweit nur ein Konsortium aus verschiedenen Versicherungen, das dem Berufsstand einen Gruppenrahmenvertrag anbietet. „Es gibt für die Versicherer keine Konkurrenz. Die können fordern, was sie wollen“, so die 38-Jährige.

Vor allem Hebammen, die Hausgeburten betreuen, trifft die hohe Versicherungssumme hart: Sie können nur zehn Geburten pro Jahr übernehmen, da ansonsten die Gefahr bestehe, dass zwei Mütter gleichzeitig ihre Kinder bekommen. Zu wenig, um die Prämie zahlen zu können. Immer weniger Geburtshelferinnen können also aus finanziellen Gründen Hausgeburten möglich machen. Im Kreis Rendsburg-Eckernförde sind es noch drei. „Es sei denn, man hat einen reichen Mann und betreibt seinen Beruf als Hobby“, sagt Pagel-Feldmann und lacht. „Im Kreis Nordfriesland gibt es Sponsoren, die die Haftpflicht für die Hebammen zahlen, damit es weiterhin Hausgeburten geben kann.“

Doch warum wird die Prämie so drastisch erhöht, ohne dass das Risiko steigt, dass das Kind während der Geburt einen durch die Hebamme verursachten Schaden erleidet? „Weder die Quantität noch die Qualität der Schäden nehmen zu. Dafür steigen die Schadenssummen, die die Eltern fordern können“, erklärt die Fockbekerin. Die Versicherungen haften im Schadensfall mit sechs Millionen Euro – wenn der Hebamme schuldhaftes Verhalten nachgewiesen wird. Im Jahr gibt es bundesweit etwa 30 Schadensfälle sowie drei bis fünf Großschäden, wie die Fachfrau sagt. Das bedeutet, dass die betroffenen Kinder schwerstbehindert und massiv pflegebedürftig sind. Bei über 670  000 Geburten im Jahr eine überschaubare Gefahr. „Das Risiko ist klein, das Geschäft dafür lukrativ“, so die dreifache Mutter.

Ein kleiner Lichtblick scheint in Aussicht: Zum 1. Juli soll es mit der Anhebung der Haftpflichtprämie einen Sicherstellungszuschlag geben, der geburtshilflich arbeitende Hebammen mit wenig Geburten einen finanziellen Ausgleich leistet. „Wie hoch der Zuschlag ist, woher das Geld kommt, wie man es beantragt: Diese Einzelheiten sind noch nicht bekannt“, so Pagel-Feldmann, die hofft, dass endlich in die Kinder investiert wird: „Alle reden von Fachkräftemangel und davon, dass wir Kinder brauchen, die uns die Rente zahlen, aber niemand will etwas dafür tun. Lehrerstellen werden abgebaut, Kinderärzte werden schlecht bezahlt. Künstliche Hüften bringen viel Geld, aber für Kinder ist keines da. Das ärgert mich.“

Trotzdem liebt sie ihren Beruf: „Wenn man nicht so viel Dankbarkeit zurückbekäme, würde man die viele Arbeit gar nicht durchstehen.“

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