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Hohenwestedt : Karten mit Gefühl: „In Gedanken bei Dir“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Eine neue Ausstellung wird Sonntag im Hohenwestedter Heimatmuseum eröffnet: Erinnerungen an eine untergegangene Alltagskultur.

shz.de von
erstellt am 29.Nov.2014 | 06:00 Uhr

Rund 200 Dokumente einer untergegangenen Alltagskultur hat Marlies Grimm im Archiv des Hohenwestedter Heimatmuseum entdeckt: kaiserzeitliche Postkarten, die zwischen 1871 und 1918 geschrieben und abgestempelt wurden. „Grüße aus der Vergangenheit“ heißt die Ausstellung mit alten Motivpostkarten, Ansichtskarten und Weihnachtsbriefen, die am Sonntag, 30. November (15 Uhr), im Heimatmuseum in der Friedrichstraße eröffnet wird.

Zeitlich etwas aus dem Rahmen fällt das älteste Exponat: eine ganz schlichte und schmucklose Postkarte, mit der Wiebke Jargstorff 1847 „meinen lieben Eltern zum Weihnachtsfeste“ alles Gute wünschte. Womit sich die Hohenwestedterin ganz auf der Höhe ihrer Zeit zeigte. Schriftliche Neujahrswünsche sind hierzulande schon seit dem 15. Jahrhundert gebräuchlich, als Erfinder der Weihnachtskarte aber gilt der Engländer Sir Henry Cole, der Mitte des 19. Jahrhunderts einen befreundeten Kunstmaler mit dem Entwurf einer Bildkarte beauftragte, auf die man seine Grußworte schreiben konnte.

In Deutschland führte die Postverwaltung 1872 offiziell die Beförderung der neuen Postkarten ein. Zunächst war die ganze Rückseite der Karte für die Anschrift des Adressaten reserviert. Nur auf der Vorderseite mit dem Bildmotiv durfte der Absender seine Mitteilungen notieren. 1879 beförderte die Reichspost bereits 122 747 000 Postkarten. „Es entstand eine große Sammelleidenschaft unter den Leuten“, vermerkt Marlies Grimm. Der Initiative dieser Sammler, die ja ein Interesse an einer unbekritzelten Vorderseite ihres Sammelobjekts hatten, war es zu verdanken, dass ab 1905 eine Hälfte der Adressen-Rückseite mit privaten Mitteilungen gefüllt werden durfte. Weshalb Marlies Grimm auch bei jeder ihrer Museumspostkarten immer auf Anhieb genau weiß, ob diese vor oder nach 1905 abgesandt wurden.

Darauf, dass die Exponate keine Sammelobjekte waren, sondern auch wirklich der kaiserzeitlichen Kommunikation dienten, ist Marlies Grimme besonders stolz: „Alle gezeigten Postkarten wurden auch verschickt und abgestempelt“, betont die Hohenwestedterin und schwärmt von den Vorzügen dieser so gut wie untergegangenen Alltagskultur: „So eine Postkarte hatte mehr Bestand als die heutzutage gängigen E-Mails.“ Mit dem Titel „In Gedanken bei Dir“ hat Marlies Grimm eine Sammlung von Liebesbriefen versehen: „Die Bildmotive dieser Postkarten sind so kitschig, aber trotzdem toll.“ Die per Postkarte übermittelte Süßholzraspelei ist in alter deutscher Schrift verfasst: „Da konnte ich immer nur ein bisschen was entziffern, aber das ist bei diesem Inhalt wohl auch in Ordnung.“ Sehr reizvoll findet Marlies Grimm auch ihre Sammlung von Glückwunsch-Karten. „Das glaubt einem keiner, dass diese bunten Karten schon so alt sind.“ Ganz genau zu datieren sind die Sonderdrucke, die 1910 anlässlich des bevorstehenden Vorbeiflugs des Halley’schen Kometen in den Handel kamen. „Trink man noch ein Tröpfchen / trink man noch ein Tröpfchen / bevor der Komet uns schlägt aufs Köpfchen“, reimt ein Pärchen, das sich die Zeit bis zum vermeintlichen Weltuntergang mit Schampustrinken vertreibt.

Eine Feldpostsammlung mit Postkarten von Mitgliedern des Hohenwestedter Gesangvereins von 1914 und 1915 will Marlies Grimm ebenfalls zeigen. Von besonderer Bedeutung sind für die Mitarbeiterin des Museumsvereins auch die gezeigten Weihnachts- und Neujahrskarten. Denn es war Doris Tillmanns Buch „Weihnachtszauber“ (erschienen im Jahr 2000), das Marlies Grimm zu ihrer Sonderschau inspirierte: „In diesem Buch, das eine Freundin vor zwei Jahren auf dem Flohmarkt fand und mir geschenkt hat, sind einige Postkarten aus dem Bestand des Heimatmuseums Hohenwestedt abgedruckt.“

Auch zu Ostern und Pfingsten hat Marlies Grimm Extra-Sammlungen mit Motivpostkarten zusammengetragen. „Die Ausstellungsbesucher sollten viel Zeit und eine Brille mitbringen, denn es lohnt sich wirklich, die Postkartensprüche durchzulesen“, sagt die Hohenwestedterin, „wenn die Ausstellung zu Ende ist, werden die Postkarten erstmal wieder auf Jahre im Archiv verschwinden.“

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