Therapie : Kampf gegen Stimmen im Kopf

Rätselhaftes Phänomen: Menschen, die Stimmen hören, galten bisher als chronisch krank.
Foto:
1 von 2
Rätselhaftes Phänomen: Menschen, die Stimmen hören, galten bisher als chronisch krank.

Neuer Ansatz bei der Begleitung von Patienten

shz.de von
25. Januar 2018, 10:27 Uhr

Dagmar Loose von der Diakonie-Stiftung ist bescheiden: „Wir haben uns auf den Weg gemacht“, sagt sie schlicht. Ihr Kollege Dr. Joachim Schnackenberg geht da weiter. Er spricht von einer „kleinen Revolution“. Gemeint ist ein völlig neuer Ansatz, den die Kropper Einrichtung bei der Begleitung und Behandlung von Patienten verfolgt, die Stimmen hören.

„Oft wird Stimmenhören als Symptom psychiatrisch-chronischer Erkrankungen – etwa der Schizophrenie – interpretiert“, erläutert Schnackenberg. Meist werde dann versucht, die störenden Stimmen mit Medikamenten loszuwerden. Ein Versuch, der oft genug nur kleine oder gar keine Erfolge bringt. Viele Betroffene müssen ihr Leben lang Pillen schlucken, wohnen in Heimen, bekommen nur selten die Chance, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

„Wir machen unseren Bewohnern ein anderes Angebot“, berichtet Dagmar Loose. Die Leiterin der Diakonie-Wohnheime St. Ansgar und Schnackenberg als Experte für psychiatrische Pflege gehen den neuen Weg des „Maastrichter Ansatzes“. Ziel ist es, dass die Betroffenen die Stimmen so in ihr Leben integrieren, dass sie sie nicht mehr als Belastung erleben (Man spricht von „Recovery“). Betroffene in Kropp, die sich auf diese Begleitung einlassen, bekommen Hilfe dabei, das Phänomen zu akzeptieren, zuzuhören, ihre Stimmen kennenzulernen.

„Stellen Sie sich vor, dass die Stimmen, die jemand hört, Helfer sind, die etwas Wichtiges zu sagen haben – selbst wenn sie brutal und gemein klingen“, erläutert Schnackenberg. „Zum Beispiel als Reaktion auf ein schreckliches Erlebnis.“ Stimmen als Helfer, traumatische Erfahrungen zu verarbeiten? Zugegeben – sich auf diese Weise zu nähern, sie als hilfreich zu betrachten, sei neu und ungewöhnlich. Den Schotten Ron Coleman allerdings habe diese Herangehensweise zurück ins Leben gebracht, erläutert Schnackenberg. Coleman war chronisch schizophren diagnostiziert, verbrachte Jahre in Kliniken und Pflegeheimen. Heute gilt er als einer der bedeutendsten Vertreter und Namensgeber der „Recovery-Bewegung“. Die bewusste Auseinandersetzung mit seinen Stimmen und der eigenen Geschichte – Coleman erlebte sexuellen Missbrauch – brachte den ehemaligen Patienten auf den „Weg vom Opfer zum Sieger“. Seine Geschichte ist typisch, denn: „Inzwischen wissen wir, dass Stimmenhörer diese Gemeinsamkeit haben, sie haben Traumatisches erlebt.“

Missbrauch, Gewalt, existenzielle Identitätskrisen – in den Wohnheimen von St. Ansgar wohnen rund 160 Menschen, und viele von ihnen haben solche schlimmen Lebenserfahrungen gemacht.

Einige gehen inzwischen den Recovery-Weg. „Mutig“, sagt Schnackenberg. Und mutig seien auch „die Mitarbeitenden, die da mitziehen“, ergänzt Dagmar Loose. Dazu brauche es die entsprechenden Rahmenbedingungen: Geschäftsführung und Vorstand, die den innovativen Ansatz fördern, Fortbildungen, Supervisionen, individuelle Unterstützung und einen „ständigen Austausch“. Die Arbeit in Kropp findet international Beachtung. An einer Tagung am vergangenen Wochenende nahmen 130 Teilnehmer teil, darunter auch Experten aus England, Österreich, der Schweiz und Schottland. Ron Coleman war ebenfalls dabei, als es darum ging, sich über Erfahrungen und Herausforderungen des Maastrichter Ansatzes auszutauschen und vorliegende Ergebnisse kritisch zu reflektieren.

Maastrichter Ansatz: Stimmenhören & recovery

Dem Maastrichter Ansatz (auch Experience Focussed Counselling, EFC) liegt die Hypothese zugrunde, dass Stimmenhören kein Zeichen von Krankheit sei und dass es wichtig ist, sie zu akzeptieren und zu verstehen. Unter dem Stichwort Recovery gehen Vertreter dieser Strömung davon aus, dass jeder Mensch das Potenzial zur psychischen Wiedergesundung in sich trägt. Recovery ist danach mit und ohne Unterstützung möglich.

Info: www.efc.institut.de

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen