Jungsträume mit Grölfaktor

ansichtssache2

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29. November 2018, 11:09 Uhr

Nichts gegen jüngere Männer. Nur wenn sie in Gruppen, euphorisiert vom gerade erlebten oder erlittenen Fußballspiel, in den abendlichen Zug drängen, dann kann es in ihrer Gesellschaft ein klein wenig ungemütlich werden. Es röhrt wie ein ganzes Rudel aufgemotzter Hirsche, und herbe Dunstwolken schlagen sich auf alles nieder, was im Umkreis zu überleben versucht. Neulich Abend war es zwar nur ein Trio infernale, das den Zug von Kiel nach Husum bestieg, aber dezibelmäßig machten sie alles nieder, was schon brav dort saß und nach der Arbeit nur entspannt nach Hause wollte. Rote Gesichter auf raumgreifenden Körpern so um die Dreißig beanspruchten viel Aufmerksamkeit. Sollten sie ja auch gern haben. Hauptsache, man konnte noch atmen und irgendwann ohne Hörschaden aussteigen.

Doch plötzlich änderte sich alles. Offenbar wurde in Kindheitserinnerungen gekramt. Das Stichwort „Benjamin Blümchen“ fiel. „Tweeuntwintig Jor is dat her. Mit Walkman worst du de King in de tweede Klass.“ Hinter Grölfaktor und roten Gesichtern wurden die kleinen Jungen von früher sichtbar und hörbar, die mit den Geschichten von Benjamin Blümchen durchs Dorf gingen. Denn vom Dorf kamen die drei. Und es ging auf Platt weiter und wurde noch richtig sinnig. „Um dree mut ik upstahn.“ Wenn man im Gange ist, geht es, aber wehe eine längere Pause – und man kommt nicht mehr hoch. „So is dat. Geld schepeln oder leven.“ Merke: Auch in jedem umnebelten Fußballfan einer bestimmten Generation kann ein liebenswertes Benjamin Blümchen stecken und ein kleiner Philosoph mit einem harten Leben.

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