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Unbesetzte Stellen an Grundschulen und Gymnasien : Junge Lehrer sind schwer zu bekommen

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Grundschulen schreiben Stellen aus und stoßen auf geringes Interesse. Auch an den Gymnasien wird die Zahl der Bewerber kleiner.

shz.de von
erstellt am 18.Jul.2017 | 11:21 Uhr

745 Lehrerstellen müssen in Schleswig-Holstein nach den Sommerferien neu besetzt werden. Zwar liegen den Schulen landesweit 1131 Bewerbungen für unbefristete Jobs vor, doch darin eingeschlossen ist eine unbekannte Zahl an Doppel- und Mehrfachbewerbungen. Es deutet sich an, dass nicht jeder Topf einen Deckel findet. Detlef Vogel, Rektor der Schule Mastbrook, bekommt das zu spüren. Zwei Vollzeitstellen – eine davon unbefristet – muss er neu besetzen. Vier Bewerbungen gingen ein, drei davon wären den Bedürfnissen der Schule entgegengekommen. Doch alle Kandidaten fanden etwas anderes. Wenige Tage vor den Sommerferien steht Vogel noch mit leeren Händen da.

In Internetforen und in persönlichen Gesprächen unter Kollegen wird deutlich, dass der Fachkräftemangel insbesondere an den Grundschulen immer größer wird. In einigen Fächern ist es kurz vor Bewerbungsschluss nur noch mit Glück möglich, überhaupt einen Kandidaten zu bekommen. Das gilt vor allem für Englisch, Mathematik, Kunst, Musik und katholische Religion. Aber auch an den Gymnasien kann man nicht aus einem Überangebot schöpfen.

207 Schüler werden in Mastbrook in neun Klassen unterrichtet. Vogels Kollegium setzt sich aus 13 Lehrkräften und zwei Förderschullehrern zusammen. Bleiben die freiwerdenden Stellen unbesetzt, wären damit die letzten personellen Reserven aufgebraucht. „Mit dem dann noch zur Verfügung stehenden Personal können wir zwar die vom Ministerium vorgegebenen Unterrichtsstunden erteilen, aber wenn jemand erkrankt, wird es eng“, sagt Vogel. Abstriche müsste es bei den Doppelbesetzungen geben: Zwei Lehrer in einer Schulstunde, damit sich einer um Kinder mit Förderbedarf kümmern kann – das könnte sich die Schule nicht mehr leisten. Ebenso müsste man im Krankheitsfall darüber nachdenken, Klassen aufzuteilen oder zusammenzulegen. Auch Klassenfahrten wären ohne Weiteres nicht mehr möglich: „Dann würden uns tagelang zwei Kollegen fehlen.“

Vogel ist nicht der einzige Grundschulleiter mit Personalnöten. Dieter Anders, Chef der Herderschule: „Seit etwa drei Jahren wird die Zahl der Bewerber geringer.“ Sein Kollege Berthold Kayma vom Helene-Lange-Gymnasium bestätigt das und ergänzt: „Zum Ende der Sommerferien wird der Markt sogar in beliebten Lehrerfächern wie Deutsch und Sport wie leergefegt sein.“

Mastbrook-Rektor Vogel hat seit 2015 Probleme damit, genügend qualifizierte junge Leute einstellen zu können. Zwei Aspekte führte er als Begründung an: Mancher ausgebildete Lehrer sei in den vergangenen Jahren in andere Bundesländer abgewandert, weil es dort eine bessere Bezahlung gebe oder sofort verbeamtet werde, zudem spreche sich unter den potenziellen Bewerbern herum, dass Mastbrook kein einfaches Pflaster sei. „Die Bewerber können sich aussuchen, wo sie arbeiten wollen. Und sie entscheiden sich dann nicht für eine Schule, in der es viele Kinder mit schwierigem sozialen Hintergrund gibt“, erläutert Vogel. Entsprechend gewandelt haben sich auch die Auswahlgespräche. „Früher haben wir die Gespräche genutzt, um die Bewerber kennen zu lernen. Heute hingegen präsentieren wir uns als Schule und stellen schon gar keine kritischen Fragen mehr, um uns nicht unbeliebt zu machen.“

SH profitiert eher von Lehrerbewegungen

Wie viele angehende Lehrer mehrere Pfeile im Köcher haben, ist unbekannt. Thomas Schunck, Sprecher des Bildungsministeriums, begründet dies damit, dass sich Interessierte in einem dezentralen Verfahren auf die einzelnen Ausschreibungen der Schulen bewerben oder sich jederzeit wieder aus dem System abmelden können.“ Ebenfalls unbekannt ist die Zahl der Lehrerstellen, die voraussichtlich zu Beginn des neuen Schuljahres unbesetzt bleiben: „Wir sind im laufenden Ausschreibungs- und Auswahlverwahren, eine valide Aussage ist noch nicht möglich.“ Auf jeden Fall gibt es Prioritäten: Schulen in größeren Städten und in der Nähe von Universitäten sind für viele junge Lehrkräfte besonders reizvoll.

Dass das Angebot an jungen Lehrkräften durch Abwanderung in andere Bundesländer kleiner geworden sei, kann Schunck nicht bestätigen. Im Gegenteil. Zwar gibt es immer wieder den Fall, dass junge Lehrer das Land verlassen, „anders herum kommen seit Jahren auch etliche Bewerber aus anderen Bundesländern. In der Vergangenheit hat Schleswig-Holstein von diesen Bewegungen eher profitiert.“ Außerdem: Wenn die beamtenrechtlichen Voraussetzungen vorliegen, wird bei unbefristeter Einstellung sofort verbeamtet.

Das Ministerium verhehlt nicht, dass das Land mehr Lehrer benötigt. Bildungsministerin Karin Prien sagt: „Eine unserer Prioritäten ist die Vorlage eines neuen Konzeptes zur Lehrkräftegewinnung, das Schulen und Hochschulen mit einbezieht.“

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