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Schulungen für Retter : Junge Gehörlose räumen Barrieren ab

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Schulungen sollen Rettern helfen, mit Notrufen von Gehörlosen umzugehen. Mit ihrem Projekt stoßen Nicole Schade (27) und Julia Albrecht (21) auf großes Interesse bei Leitstellen, Rettungskräften und der Polizei.

Rensburg | Wer in eine Notlage gerät, verlässt sich auf die 112. Ein Alptraum, wenn der Notruf fehlschlägt. Doch genau das ist Nicole Schade (27) passiert.

Im Juni des vergangenen Jahres war sie auf dem Paradeplatz unterwegs. „Ich merkte, dass ich gleich das Bewusstsein verliere“, berichtet sie. Die junge Frau ist gehörlos und kann deshalb auch nicht per Sprache kommunizieren, deshalb stellt der Notruf für sie ein besonderes Hindernis dar. „Ich habe schnell eine SMS an die Faxnummer der Leitstelle geschrieben.“ Eine Handy-Kurznachricht ist in solchen Situationen üblich. Doch später stellte sich heraus, dass ihr Notruf erst sieben Stunden später in der Leitstelle in Kiel angekommen war.

Aus dieser Not machte sie mit ihrer Freundin Julia Albrecht (21) eine Tugend: Sie wollte nicht hinnehmen, dass es zwischen gehörlosen Menschen und Notruf-Leitstellen, Rettungskräften und Polizisten noch so viele Barrieren und Unsicherheiten gibt. Sie entwickelten das Aufklärungsprojekt „Gemeinsam barrierefrei“. Mit Hilfe der Initiative Euronotruf im Verein Engelschutz entstand eine Schulung für Feuerwehr und Polizei. Fünf Monate dauerte es, bis die beiden jungen Frauen eine aufwendige Präsentation erstellt, Leitstellen und Polizeischulen angeschrieben und eine Menge Vorgespräche geführt hatten. Heute haben sie mehr Anfragen, als sie bewältigen können.

Wie wichtig es ist, Gehörlose zu verstehen und Barrieren abzubauen, zeigt nicht nur Nicole Schades Erlebnis auf dem Paradeplatz. Dass es glimpflich ausging, war nur aufmerksamen Passanten zu verdanken, die die hilflose Frau fanden. Während der Notruf zu Hause ganz einfach per Fax-Vordruck möglich ist, ist es unterwegs schon schwieriger. Notrufsäulen können Gehörlose zum Beispiel nur nutzen, wenn auch eine Kamera installiert ist. Das ist an Autobahnen etwa nicht der Fall. Nicole Schade berichtet auch von anderen Erlebnissen, vor allem mit der Polizei: „Die Beamten fühlen sich oft bedroht, wenn man nicht reagiert. Als ich bei einer Kontrolle einmal nicht die Autotür geöffnet habe, haben sie die Scheibe eingeschlagen. Mir wurden auch schon Handschellen angelegt, weil ich meinen Behindertenausweis aus der Tasche holen wollte“, erzählt sie. „Gehörlose werden auch oft zu Drogentests mitgenommen, weil sie auf Sprache nicht reagieren.“

Es ist also wichtig, dass einfache Gebärden bekannt sind. Die vermitteln Nicole Schade und Julia Albrecht bei ihren ehrenamtlichen Schulungen. Zudem geben sie Tipps, etwa den Gehörlosen-Hinweis im Führerschein zu beachten und das eigene Mundbild für den Gehörlosen sichtbar zu machen. Zudem sind die Gleichgewichtssinne bei Gehörlosen anders verteilt, das ist wichtig bei Alkohol- und Drogentests. Retter müssen sich darüber im Klaren sein, dass der Patient wissen möchte, was mit ihm passiert. Das müsse dann eben schriftlich passieren, so Nicole Schade. Das Personal der Notruf-Zentralen machen die beiden jungen Frauen mit einem Gerät vertraut, das einen aufgezeichneten Notruf abspielt. Darin wird dazu aufgefordert, mit der hilflosen gehörlosen Person per SMS in Kontakt zu treten, sofern die noch in der Lage ist, zu schreiben. „Oft gibt es aber in den Leitstellen kein Dienst-Handy oder ältere Mitarbeiter kommen damit nicht klar“, sagt Nicole Schade.

Drei Kurse bei der Leitstelle in Kiel haben sie bereits gegeben, ein weiterer folgt. Mit der Landespolizei in Kiel und der Polizeischule in Eutin sind bereits Termine vereinbart. Eine weitere Schulung der Führungskräfte der Feuerwehren aus Rendsburg und Umgebung steht im Februar an. „Wir sind gut gebucht, können aber wegen unserer Ausbildung an der Gehörlosenfachschule nicht mehr als drei Termine im Monat machen“, sagt Nicole Schade. Das Projekt „Gemeinsam barrierefrei“ ist unter gl.projekt.leitstellen@gmail.com erreichbar.

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erstellt am 23.Jan.2014 | 06:00 Uhr

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