Jeder Mensch kann es spüren

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31. August 2018, 15:02 Uhr

Pfarrer Wolfgang Johannsen (Katholische Pfarrei Sankt Ansgar) leitet den Gottesdienst heute um 17 Uhr in St. Michael, Am Margarethenhof. Er schreibt:

„Ein schwarzer Frack allein macht noch keinen Ehrenmann“. Wir reagieren bisweilen betroffen auf Skandalmeldungen, die auf so mancher bislang scheinbar weißen Weste plötzlich dunkle Flecken zum Vorschein bringen. Aber auch unser Alltag kennt solche Erfahrungen. Leute, die es verstehen, nach Außen hin zu glänzen, in Wirklichkeit aber von übler Gesinnung sind. Auch die Pharisäer im Evangelium müssen sich einen solchen Vorwurf gefallen lassen. Jesus übt scharfe Kritik an ihnen. Ihr, die religiösen Führer des Volkes, seid in eurem Innern faulig und verrottet. Ihr frommen Gesetzeslehrer, ihr spielt in Wahrheit eine eher schmutzige Rolle.

Die Fassade allerdings bleibt gewahrt; die festgelegten Regeln werden befolgt. Und wer alle Paragraphen ordnungsgemäß abhakt, der hat das Seine getan, der ist am Ende fertig, fertig aber auch mit Gott. Denn so wird Gott letztlich zu einer Leerformel gemacht: „Ihr Heuchler ehrt mich mit den Lippen, euer Herz aber ist weit weg“.
Das ist eine Gefahr, die auch heute aktuell ist. Es gibt so etwas wie eine religiöse Betriebsamkeit, die sich schnell verselbstständigen kann. Wir brauchen Verbindlichkeiten in unserer religiösen Praxis. Aber dort, wo ein solches Glaubensgerüst in seinem Innern hohl wird, da fällt es irgendwann einmal in sich selbst zusammen. Je größer die geistige Leere ist, umso stärker sucht der Mensch nach Ersatzformen, um seinem Leben noch einen Sinn zu geben.

Deshalb provoziert Jesus die Pharisäer: Ihr habt Gott verdrängt aus eurem Leben. Ihr fragt nach erlaubt und unerlaubt, Gott aber fragt nach der Liebe.

Gott hat uns in Jesus Christus sein liebendes Gesicht sichtbar gemacht – ein für allemal und endgültig. Daran kann jeder Mensch es sehen und zugleich spüren: Wir stehen nicht länger vor einem Dickicht von Regelungen und Konventionen. Wir stehen zu allererst vor Gott selbst.

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