Interview : „Je mehr man darf, desto mehr will man“

Kiffen als Ablenkung: Viele  junge Leute unterschätzen die Gefahr des Haschischkonsums.
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Kiffen als Ablenkung: Viele junge Leute unterschätzen die Gefahr des Haschischkonsums.

Streitgespräch unter Jugendlichen über den Haschisch-Konsum und die Gefahren

shz.de von
12. November 2013, 17:15 Uhr

Michael P. ist ein Kiffer. Das gibt er auch zu, allerdings möchte er in der Zeitung anonym bleiben und ist deswegen umbenannt worden. In einem Interview mit der Jugendredaktion legt der 16-jährige Schüler eines Gymnasiums in Rendsburg dar, wie es dazu kam und wie er damit in seinem Alltag umgeht. Auf der Gegenseite haben wir Charlotte S. hinzugeholt, ebenfalls 16 und Schülerin eines Rendsburger Gymnasiums, die, seitdem sie ihren damaligen besten Freund aus der Szene herausziehen wollte und es nur für kurze Zeit schaffte, das Kiffen aufs Schärfste kritisiert.

Wann hast du mit dem Kiffen angefangen?
Michael: Das ist nun ein Jahr und ein paar Monate her. Ein paar Kumpels waren vorbeigekommen und ich wusste schon, dass die kiffen. Ich war dem eigentlich auch nie abgeneigt, hatte nie etwas gegen Leute, die kiffen, deswegen hab ich das einfach ausprobiert.

Wissen deine Freunde/Klassenkameraden davon? Wie gehen sie damit um?
Michael: Meine Klassenkameraden wissen das. Sie behandeln mich ganz normal. Ab und zu gibt es eine kleine Bemerkung, sie machen mich aber nicht fertig.

Wie ist das mit der Schule zu vereinbaren?
Michael: Seit der achten Klasse geht es mit meiner Leistung zwar bergab, also hat das nichts mit dem Kiffen zu tun. Ich habe zehn Punkte in Mathe, und ich finde, da kann man schon sagen, dass der Junge nicht ganz dumm ist.

Wie oft rauchst du?
Michael: Jedes zweite Wochenende. Das Rauchen ist harmloser, als wenn ich jedes Wochenende feiern gehe.

Gab es Zwischenfälle?
Michael: Ein Bekannter hat sehr früh seinen Vater verloren und ist da dann hineingerasselt. Bevor er in die Klinik kam, musste man ihn vom Fenster wegziehen. Wenn man nämlich anfängliche Traumata hat, kann es zu Depressionen führen. Du musst halt schon erkennen, wann es anfängt, böse zu werden.

Charlotte mischt sich in das Gespräch ein. Sie fragt Michael, ob seine Freunde ihm nicht helfen. Ein Streitgespräch entwickelt sich.

Charlotte: Aber was sind das denn für Freunde, die einen in den Sumpf mit hineinziehen wollen? Das sind keine Freunde!

Michael: Ich kann da ja nur wieder mit dem Argument kommen, dass Freunde einen genauso gut jedes Wochenende mit zur Party schleppen. Keiner kommt um die Ecke und sagt dir ‚Hey, geh kiffen, ich will, dass du stirbst‘. Außerdem ist es nicht schlimmer als Alkohol. Was ist schlimmer, jedes Wochenende kommt deine Magensäure hoch und zerstört deine Zähne!

Charlotte: Ja, aber wie schädlich muss es sein, wenn man es selbst nach Monaten in den Haaren feststellen kann? Sorgst du dich nicht um einen Imageschaden? Wie willst du einen Job finden?

Michael: Wenn ich mich bewerbe, werde ich mir nicht direkt vor dem Bewerbungsgespräch einen reinlöten.

Charlotte: Aber es spricht sich herum.

Michael: Hast du jemals meinen Namen gehört?

Charlotte: Aus einer Clique sind alle in die Drogenszene abgerutscht, man konnte genau sehen, wie verbraucht die waren. Die haben sich isoliert und abgekapselt. Marihuana ist nur die Einstiegsdroge, es bleibt nie dabei. Hast du keine Angst davor, so zu enden? Hast du schon etwas anderes außer Marihuana ausprobiert?

Michael: Bei der Chemie hört das bei mir auf jeden Fall auf. Auf Alkohol verzichte ich aber nicht.

Charlotte: Wie würdest du es deiner Freundin beibringen? Würdest du ihr zuliebe aufhören?

Michael: Es kommt immer drauf an, welche Freundin das ist. Lügen würde ich auf keinen Fall.
Charlotte: Das beweist, dass seine Sicht so verengt ist, dass er nur Augen für Mädchen hat, die auch in dieser Szene herumschweben. Marihuana gehört für immer verboten.

Michael: Prohibition hat aber damals in Amerika die Kriminalität nur steigen lassen und es sind sogar mehr Leute in die Drogenszene hineingerutscht.

Charlotte: Wenn man es aber legalisieren würde, würde es nicht nur Deutschland in ein schlechtes Licht rücken, sondern auch die Menschen dazu verlocken, es auszutesten. Je mehr man darf, desto mehr will man.

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