Jäger sollen Friedhofs-Reh erlegen

Friedhofswärter Thomas Schlott zeigt die Klappöffnung, durch die der Bock hinauskönnte.
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Friedhofswärter Thomas Schlott zeigt die Klappöffnung, durch die der Bock hinauskönnte.

Bock frisst weiterhin Gräber kahl / Verwaltung hilflos / Kreis erteilt Jägern Sondergenehmigung zum Abschuss

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14. Juli 2012, 07:47 Uhr

Rendsburg | Am liebsten frisst er Rosen. Dafür lässt der Rehbock alles andere stehen und liegen. Dann stellt sich das wilde Tier auch gern direkt auf ein frisches Grab, um sich an einem liebevoll geschmückten Rosenherz zu laben. Die tiefen Eindrücke, die er hinterlassen hat, zeugen davon. Und ein paar welke Blätter. Aber auch Knollenbegonien verachtet der Rehbock nicht. Und so stehen auf einigen Gräbern auf dem städtischen Klinter Friedhof neben vereinzelten rosa Blumen nur noch grüne, abgerupfte Stengel. Für trauernde Hinterbliebene ein schwer zu ertragender Anblick. Denn das geht schon seit mehr als anderthalb Jahren so. Nun ist das Tier zum Abschuss freigegeben.

Thomas Schlott (53) erinnert sich noch genau, wann es anfing: Mitte November 2010, an einem tief verschneiten Wochenende. "Ich sah die offene Pforte - und Fußspuren von Besuchern, die hinausführten, sowie Abdrücke von Hufen, die hineinführten." Der Rehbock und eine Ricke hätten auf diesem Weg das zehn Hektar große Gelände betreten. Seitdem raubten sie dem parkähnlichen Friedhof und seinen Besuchern die Ruhe. Aus zwei niedlichen Bambis wurden: Problem-Rehe.

Bereits im August vergangenen Jahres hatte die Landeszeitung über den kuriosen Fall berichtet. Damals erlegte ein Jäger die Ricke. Den Bock erwischte er nicht. Es gibt zu viel Deckung für das Tier. Deshalb kommt es vor, dass Friedhofswärter Schlott, wie am vergangenen Donnerstagmorgen, überraschend den Weg des Tieres kreuzt. Der Bock sei über den Gehweg spaziert. Ganz gelassen. Am Nachmittag sind die Spuren im Sand noch zu sehen. "Ich mache diesen Job seit 25 Jahren", sagt Thomas Schlott, als er über den Friedhof führt. "Die letzten beiden Jahre waren die nervigsten." Denn die Beschwerden der Friedhofsbesucher reißen nicht ab. Der Druck wächst. Schlott fühlt sich hilflos. Dass es so lange dauert, hätte er nicht gedacht. Am Anfang des Sommers hatten Schlott und gut 40 andere Bürger sogar versucht, den Eindringling hinauszutreiben. Vergebens. "Wenn jemand zur Lösung beitragen kann, bin ich offen für jede Idee", sagt Thomas Schlott.

Für die Lösung, die eigentlich keiner will - den Abschuss - sind nun zwei Jäger angeheuert worden. Es gebe jetzt für die beiden Männer, die namentlich nicht genannt werden wollen, eine Sondergenehmigung des Kreises, das Tier zu erlegen, so Schlott. Vor wenigen Tagen begingen die Männer das Gelände. Sie begutachteten einen Trampelpfad am Zaun entlang, die behelfsmäßige Klapp-Pforte, die eigens für den Bock angebracht wurde, den Salzleckstein draußen vor dem Zaun. Das Tier soll es schließlich gut haben. Nur: Es nutzt weder Pforte noch Stein, denn nach draußen will es offenbar nicht. "Auch wenn er hinausgetrieben würde - ich bin überzeugt, der Rehbock käme wieder", sagt einer der Jäger, der sich nun auf die Lauer legen wird. "Das Tier bekommt hier alles. So einen reichlich gedeckten Tisch kriegt es draußen in der Natur nicht", glaubt auch Friedhofswärter Schlott. "Und das ist unser Problem".

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