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Integration: Wenn aus Schülern Lehrer werden

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Rendsburger Jugendliche und junge Migranten lernen gemeinsam

shz.de von
erstellt am 07.Apr.2016 | 12:54 Uhr

In den Räumen der Christkirchengemeinde in Neuwerk entlädt sich kurz vor 11 Uhr die Anspannung. Stattdessen bricht ausgelassene Freude aus. Der Grund ist einfach: Eben haben hier Rendsburger Schüler noch mit Flüchtlingskindern Vokabeln und Grammatik gepaukt, aber jetzt ist Pause, und das muss richtig ausgenutzt werden.

Gemeinsam nehmen die Kinder und Jugendlichen am Projekt „Be U“ des Diakonischen Werks des Kirchenkreises Rendsburg-Eckernförde teil. Schüler der Herderschule sowie der Dependance des beruflichen Gymnasiums in Osterrönfeld helfen Kindern aus Flüchtlingsfamilien in den Osterferien, ihre Sprachkenntnisse zu vertiefen. Unterstützt werden sie dabei von einigen pensionierten Lehrern.

„Deutsche Grammatik ist sehr schwer“, stöhnt Mohammed (18) aus Syrien. Er ist erst seit einem halben Jahr in Rendsburg. Für diese kurze Zeit beherrscht er die deutsche Sprache schon sehr passabel, aber er spricht leise und schüchtern. Man merkt ihm seine Angst an, Fehler zu machen. Wenn er die Sprache richtig beherrscht, will er Informatik an der Universität studieren. Das Abitur hat er in Jordanien gemacht , wohin er wegen des Bürgerkrieges zuerst geflohen ist. Neben ihm sitzt Lena (15). Sie hilft ihm, die Worte richtig auszusprechen, die richtigen Worte überhaupt zu finden. Der Rollentausch macht der Schülerin, die auf einmal unterrichtet, Spaß. „Aber als Lehrerin sehe ich mich nicht . Ich bin einfach jemand, der hilft“, sagt sie. Mit einem Wörterbuch oder der Übersetzungsfunktion auf dem Smartphone. Aber manchmal hilft auch das nicht weiter. Wie übersetzt man etwas ins arabische, was dort so gut wie unbekannt ist. Zum Beispiel das Wort Seniorenheim.

In schwierigen Fällen hilft Projektleiter Samir Aloulou (65) weiter. Aloulou, der sich selbst als Sprachscout – Sprachmittler – bezeichnet, spricht arabisch und deutsch mit norddeutschem Akzent. „Die Aktion hier ist auf freiwilliger Basis“, sagt er. „Wer Lust hat, kommt vorbei.“ Wer keine Lust hat, kommt eben nicht vorbei. Entsprechend motiviert sind hier alle. Dabei geht das Projekt über das reine Pauken hinaus. Die Kinder und Jugendlichen lernen hier auch, wie das Leben in Deutschland funktioniert. „Wir sagen ihnen immer, an erster Stelle steht hier die Gleichberechtigung. Dann kommen Meinungs- und Religionsfreiheit.“

Die meisten Flüchtlingskinder kommen aus den „Deutsch-als-Fremdsprache-Klassen“ der Grundschule Rotenhof, der Altstadtschule und der Christian-Timm-Schule. An diesen Schulen ist Aloulou Ansprechpartner für Lehrer und Schüler. Aber auch an anderen Schulen ist der umtriebige Mann unterwegs. Besonders stolz ist er auf die Patenschaft zwischen Schülern und Flüchtlingskindern, die er vermittelt. „Das ist etwas ganz persönliches, da entstehen Freundschaften – das ist Integration“, sagt er. Man dürfe nicht die gleichen Fehler machen , wie in den 70er Jahren, und die Jugendlichen sich selbst überlassen. Bei den Patenschaften gehen ältere Schüler in die Familien der Flüchtlingskinder. Zwei- bis dreimal in der Woche geben sie dort Hausaufgabenhilfe, treffen sich zum spielen, schnacken oder gemeinsamen kochen. So wie Linn und Emma (beide 15) von der Herderschule, die regelmäßig Rawans Familie besuchen. Die 16-Jährige ist ebenfalls erst seit einem halben Jahr in Rendsburg und geht in die Altstadtschule. „Es macht glücklich, wenn man merkt, dass sie Fortschritte macht“, sagt Emma. „Und wir lernen eine komplett andere Welt in ihrer Familie kennen“, ergänzt Linn. Beide schwärmen von der Offenheit in Rawans Familie. „ Wir kennen sie erst seit einem Monat, aber es fühlt sich an, als ob wir uns schon seit Jahren kennen würden“, sagt Linn.

Dabei lernen sie selbst eine andere Kultur – die arabische kennen. Eine Erfahrung, die sie reicher macht. Integration funktioniert eben in beide Richtungen. Und auf der menschlichen Ebene immer noch am besten.

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