Wandergeselle in Kropp : In Kluft und ohne Handy auf der Walz

Wandergeselle Leander aus Darmstadt: Unterwegs ist er mit einem Stenz, dem gedrehten Wanderstock, und dem Charlottenburger, wie das Kleiderbündel heißt.
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Wandergeselle Leander aus Darmstadt: Unterwegs ist er mit einem Stenz, dem gedrehten Wanderstock, und dem Charlottenburger, wie das Kleiderbündel heißt.

Ein Zimmermann berichtet in Kropp von den Sitten der Wandergesellen. Nach seiner Gesellenprüfung startete er in die Wanderjahre. Für drei Jahre und einen Tag ist der 21-jährige Leander aus Darmstadt ohne feste Adresse.

shz.de von
27. Dezember 2017, 10:59 Uhr

„Guten Morgen, ich bin Leander“, stellt sich der 21-jährige vor. Seit dem 30. Oktober ist der Zimmerergeselle auf der Wanderschaft. Die vergangenen drei Wochen hat er in Kropp bei der Firma Knutzen & Schleth gearbeitet. Sein Nachname sei nicht von Bedeutung, erklärt Leander. Man nenne ihn „Fremder“ oder „Zimmerer“. Im Juni hat er seine Gesellenprüfung bestanden. Dann hat er sich beim Bürgermeister in Darmstadt abgemeldet und ist nun für drei Jahre und einen Tag ohne feste Adresse. Die Freiheit hat ihren Preis: kein eigenes Bett und kaum Privatsphäre. Aber: Jeder Tag ist spannend. „Auf die Wanderschaft darf nur gehen, wer unter 30 Jahre alt, kinderlos, ledig und schuldenfrei ist“, erklärt der Geselle. In den ersten drei Monaten darf er keinen Kontakt zu Familie und Freunden aufnehmen. „Ich muss zuerst mit dem Kopf auf der Straße ankommen“, sagt Leander. Zudem darf er sich in der gesamten Zeit seinem Heimatort bis auf 50 Kilometer nicht nähern.

Lange vor der Gesellenprüfung hatte sich der Darmstädter mit dem Thema „Wanderjahre“ befasst. Er habe sich für die Walz entschieden, weil er später nicht bereuen möchte, es nicht getan zu haben. Zudem will er sich in seinem Beruf fortbilden, Land und Leute kennenlernen – und vor allem sich selbst. So suchte er sich einen „Altgesellen“, der bereits länger auf der Walz ist und der ihm mit Rat und Tat zur Seite steht. Sein Altgeselle hat ihn von zuhause abgeholt und ist die erste Zeit mit ihm gereist.

Leander trägt die Kluft, die traditionelle Arbeitskleidung des Zimmermannes, während der ganzen Wanderschaft. Wechselwäsche, Arbeitskleidung und ein Schlafsack werden in einen Charlottenburger gewickelt, ein quadratisches Tuch von 80 mal 80 Zentimeter Größe, mit einem Riemen geschnürt und auf der linken Schulter getragen. Ein Stenz, der gedrehte Wanderstock, fehlt auch nicht und den Hut trägt Leander immer. „Ich ziehe den Hut nur in der Kirche vor Gott und beim Essen, als Ehrerbietung für den Koch“.

Ein Mobiltelefon hat der Wandergeselle nicht nicht. Verabredungen werden per „Wort ist Wort“ getroffen. Man warte 24 Stunden auf den anderen, weil ja das Reisen nicht so einfach ist. Geld darf er für das Reisen nicht ausgeben. „Ich kann nicht einfach mal ein Zugticket kaufen oder in der Jugendherberge übernachten“. Meistens trampt Leander, und bisher ist das immer geglückt. Zum Übernachten muss er seinen Platz finden, jeden Tag neu. „Im Sommer kann ich mal draußen schlafen. Im Winter tut es auch ein Parkhaus“.

In den drei Wochen in Kropp hat der 21-Jährige ein Bett gehabt und feste Mahlzeiten, aber einen Fernseher habe er dennoch nicht gewollt, berichtet Axel Knutzen. Seiner Firma sei Leander gerade recht gekommen. „Wir hatten vor Weihnachten noch etliche Aufträge zu erledigen“. Für einen dieser Aufträge mussten sie nach Föhr fahren. „Als die Reederei erfahren hat, dass wir einen Wandergesellen dabei haben, brauchten wir für Leander keine Überfahrt bezahlen“, so Knutzen. Zum Abschluss erzählt Leander noch die Geschichte von seinem Ohrring. Bei der Los-geh-Party wurde er mit dem Ohrläppchen auf eine Werkbank genagelt. „Da wurde ich auf mein Vorhaben festgenagelt“. Der Ohrring war früher aus Gold und diente als Notgeld. Heute ist das nicht nötig. Wandergesellen werden nach Tarif bezahlt und erhalten Lohn wie alle anderen Mitarbeiter auch. Aber damals konnte der Wandergeselle „mit dem Erlös im Notfall standesgemäß unter die Erde gebracht werden“, erklärt Leander. Ließ sich ein Wandergeselle etwas zu Schulden kommen, wurde der Ohrring ausgerissen und der Geselle damit zum „Schlitzohr“.

Nach drei Wochen bei der Firma Knutzen & Schleth hat sich Leander nun auf den Weg nach Stuttgart gemacht. Dort findet das Wintertreffen der Wandergesellen statt. „Das war auch für uns eine spannende Zeit“, sagt Kerstin Knutzen, „Leander hat viel erzählt von den Sitten und Gebräuchen der Wandergesellen“.

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