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Gartenarbeit wartet : In fünf Jahrzehnten drei Ärzte-Generationen erlebt

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Nach 47 Jahren in der gleichen Praxis hat Gisela Liebert heute ihren letzten Arbeitstag.

shz.de von
erstellt am 23.Jun.2016 | 06:00 Uhr

Sie ist bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Seit fünf Jahrzehnten geht Gisela Liebert (63) beinahe täglich zum Arzt, und wer in Westerrönfeld schon einmal krank war, hat auch die zierliche Arzthelferin mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit kennen gelernt. Falls nicht, wäre jetzt dazu die letzte Gelegenheit, zumindest in ihrem beruflichem Umfeld. Nach 47 Jahren in der gleichen Arztpraxis hat Liebert heute ihren letzten Arbeitstag. Viele Patienten haben ihr zugesagt, noch einmal auf einen Schnack vorbeizukommen und ihr Tschüß zu sagen.

Sie kennt Westerrönfelder aller Altersstufen. Wenn sie es eilig hat, sagt sie, muss sie in einer anderen Stadt einkaufen. In jeder Schlange vor der Kasse steht mindestens ein Mensch, mit dem sie einen Schnack halten könnte. In der Arztpraxis Am Glockenturm arbeitet sie mittlerweile mit der dritten Generation von Ärzten. Die Patienten, um die sie sich kümmert, kommen teilweise sogar schon in der vierten Generation – der älteste wird demnächst 102 Jahre alt. „Manche kennen mich noch als kleines Mädchen mit Pferdeschwanz – ich war ja damals das Nesthäkchen“, sagt sie. Im Laufe der Jahre ist eine Verbundenheit entstanden, die so richtig wohl nur nachvollziehen kann, wer wirklich lange am gleichen Ort geblieben ist. Liebert hat es nie bereut. Ganz im Gegenteil. „Ich kann es noch gar nicht glauben, dass es jetzt vorbei ist“, sagt sie. „Das kommt alles so plötzlich. Irgendwie ist mir das jetzt zu schnell gegangen.“

Ihren Beruf hat sie sich nicht gesucht – sie wurde gewissermaßen auserwählt. „Unser Hausarzt Dr. Gerhard Keller fragte meine Eltern, ob nicht eine ihrer Töchter bei ihm arbeiten möchte“, erinnert sie sich. Dass die Entscheidung, die sie getroffen hat, eine für ihr ganzes (Berufs-)Leben sein sollte, wusste sie nicht, als sie am 1. August 1969 in seiner Praxis, damals noch in der Doppelhaushälfte in der Rudolf-Kinau-Straße, anfing. „Die Arbeit ist in all den Jahren gleich geblieben“, sagt sie. Aber früher hätten die Patienten mehr Zeit gehabt, es wurde mehr geplaudert. Das ist heute anders. „Teilweise sitzen Menschen im Wartezimmer, die sich untereinander gar nicht kennen“, sagt Liebert. Das wäre früher nun wirklich unvorstellbar gewesen. Aber zu ihr hatten die Patienten immer Vertrauen. „Sie haben mir viel anvertraut“, erinnert sich Liebert. Das ist nicht immer leicht gewesen. „Es lässt einem keine Ruhe, wenn es den Leuten schlecht geht“, sagt sie. Die Arzthelferin kennt die Menschen ja nicht nur beruflich, sondern auch privat. Manche Schicksale haben ihr schlaflose Nächte bereitet, oft ging schon der erste Gedanke des Tages an die Patienten. Es gibt eben Momente, in denen Nähe nur schwer auszuhalten ist.

Eine Berufsbiografie wie die von Gisela Liebert ist heute selten geworden. „Ich hatte Lust auf meine Arbeit, das war das wichtigste“, sagt sie. An der Entscheidung, die die damals 16-Jährige mit den Zöpfen getroffen hat, gibt es bis heute nichts zu rütteln. Allerdings gibt es Sachen, die sie nicht vermissen wird. Das Aufstehen um vier Uhr morgens etwa, und die abendliche Angst, zu verschlafen, die dazugehört.

Für ihr Dasein als Rentnerin hat sie sich nichts besonderes vorgenommen. „Ich will jetzt erst einmal zu Hause ankommen. Die nächsten Wochen werden sich ohnehin anfühlen wie Urlaub“, ist sie überzeugt. Langweilig wird ihr ohnehin nicht werden. „Ich habe einen Riesengarten, das ist mein Hobby“, sagt sie. „Und deshalb sind es auch Kochen und Backen.“ Ihre Spezialität sind übrigens Baisertörtchen.  

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