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In der Nazi-Zeit war nicht jeder Landrat schlecht

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Kreis stellt Gutachten über Vergangenheit der Verwaltungschefs vor

shz.de von
erstellt am 29.Jan.2016 | 13:07 Uhr

Von opportunistischen Mitläufern über gewissenlose Nazi-Verbrecher bis zu aufrechten Mitgliedern des Widerstands: Eine Studie bringt ans Licht, wie sich die Landräte der Kreise Rendsburg, Eckernförde und Bordesholm während der Zeit der Nationalsozialisten verhalten haben. Das 167 Seiten starke Werk ist ein spannendes Stück regionaler Geschichte, findet Dr. Martin Kruse, dessen Fachbereich die Ausschreibung der Studie organisierte.

Gutachter der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster haben die Vergangenheit von rund 20 Landräten unter die Lupe genommen, die während der Nazi-Herrschaft von 1933 bis 1945, aber auch davor und danach im Amt waren. Das Ergebnis soll den Politikern bei der Entscheidung helfen, wie künftig mit den 36 Porträts aller Landräte seit der Weimarer Republik umzugehen ist, die an der Wand des repräsentativen Sitzungsraums 169 hängen. Denn die Bilder der Verwaltungschefs aus der Nazi-Zeit hängen bislang ohne genauere Erklärung zwischen allen anderen. Was die Wissenschaftler herausfanden, soll Teil einer neuen Aufarbeitung sein.

Die Gutachter kommen bei den beiden Landräten des Kreises Rendsburg, die zwischen 1933 bis 1945 im Amt waren, zu einem harten Urteil: Wilhelm Hamkens und Julius Peters „verhalfen dem Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein wesentlich zum Durchbruch“, steht in der Studie. Ihre Macht sei nahezu uneingeschränkt gewesen, weil sie jeweils nicht nur das Amt des Landrats, sondern auch das des NSDAP-Kreisleiters bekleideten. Beide seien „an verbrecherischen Maßnahmen des Systems beteiligt“ gewesen und „machten von der Möglichkeit Gebrauch, politisch unliebsame Personen in Schutzhaft zu nehmen und setzten die Vorgaben höherer Partei- und Regierungsstellen gegen Andersdenkende, Juden und ausländische Zwangsarbeiter kompromisslos um“. Auch Walter Alnor und Hans Kolbe, zwei von vier Landräten des Kreises Eckernförde während der Nazi-Herrschaft, ließen als Herrscher über die Polizeigewalt Regimegegner einsperren und verdrängten sozialistische und kommunistische Politiker aus ihren Ämtern. Während Alnor als Beamter in besetzten Ostgebieten später sogar den Holocaust mitorganisierte, stellte Kolbe Polizeikräfte für Exekutionen polnischer Zwangsarbeiter zur Verfügung. Die Gutachter kommen auch im Fall von Carl Jacobsen zu einem Ergebnis: Der Nachkriegs-Landrat (1956 bis 1970 im Kreis Rendsburg, 1970 bis 1975 im Kreis Rendsburg-Eckernförde) soll ein überzeugter Nationalsozialist gewesen sein. Jacobsen habe aber zwischen 1933 und 1945 kein einflussreiches Amt versehen, sodass er keine Möglichkeit gehabt habe, sich an Verbrechen zu beteiligen.

Ausdrücklich positiv werden Wilhelm Stöcken (Kreis Eckernförde) und Theodor Steltzer (Kreis Rendsburg) erwähnt. Stöcken übernahm das Landratsamt nach dem Krieg. Vorher blieb er treues SPD-Mitglied und leistete Widerstand, indem er Gewerkschafts- und Parteitreffen in seinem Haus abhielt und „möglicherweise auch an der Fluchthilfe beteiligt“ war. Steltzer, der bis 1933 Landrat war und später Ministerpräsident Schleswig-Holsteins wurde, wird als „überzeugter Widerständler“ bezeichnet. Er überlebte das Regime, obwohl er Juden rettete und 1944 zum Tod verurteilt wurde. Auch Arthur Zabel (Kreis Bordesholm) wird dem Widerstand zugerechnet. Und den Rendsburger Landräten Otto-Heinz Seybold, Wilhelm Friedrich Boyens, Detlef Struve und Otto Rohwer wird bescheinigt, „sich zumeist nur formal dem Regime angepasst“ zu haben.

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