zur Navigation springen

Jobs : Immer mehr Teilzeitarbeit in Rendsburg-Eckernförde

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Viele Menschen im Kreis arbeiten verkürzt, befristet, auf Leihbasis oder in Minijobs. Ursachen und Auswirkungen sind umstritten.

shz.de von
erstellt am 09.Aug.2017 | 11:36 Uhr

Ein neuer Höchststand: Mehr als 44 Prozent aller Arbeitnehmer im Kreis Rendsburg-Eckernförde arbeiten mittlerweile Teilzeit, befristet, auf Leihbasis oder haben Minijobs. Dies geht aus einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor. Demnach hat besonders die Zahl der Teilzeitbeschäftigten sehr stark zugenommen. 2003 waren es 12.600, im vergangenen Jahr 23.100 – ein Anstieg um 83 Prozent in 13 Jahren. Auch die Zahl der Minijobs steigt der Studie zufolge. Rund 16  800 Menschen im Kreis waren 2016 ausschließlich geringfügig beschäftigt.

Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) beklagt angesichts der zunehmenden Zahl „atypischer“ Beschäftigungsverhältnisse eine „Schieflage am Arbeitsmarkt“. Es könne nicht sein, dass Deutschland einerseits einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebe, aber andererseits viele Menschen in „prekären Verhältnissen“ arbeiten.

Im Kreis Rendsburg-Eckernförde lag der Anteil „atypischer“ Jobs am Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren einige Prozentpunkte höher als im Bundesdurchschnitt. Auch in Schleswig-Holstein insgesamt lagen die Werte etwas über dem Durchschnitt. Gründe könnten unter anderem Saison-Arbeitsstellen im Tourismus und in der Landwirtschaft sein.

Der Lohn für Teilzeit- oder Minijobs reiche oft nicht aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, sagt Dirk Johne, stellvertretender Regionalleiter der IG Bau Nord. In der Gebäudereinigung sind dem Gewerkschafter zufolge mittlerweile die Hälfte aller Arbeitsplätze Minijobs. Nach einem Jobverlust oder einer Trennung drohe schnell Hartz IV. Für Frauen sei es außerdem nach einer Familienpause schwer, wieder voll in ihren Beruf einzusteigen. „Dazu kommt noch die Renten-Problematik. Ich muss mindestens zwölf Euro pro Stunde in Vollbeschäftigung verdienen, um am Ende mehr als die Grundsicherung zu bekommen“, erklärt Johne. „Das kann ich mit solchen Jobs aber nicht erreichen.“ Außerdem würden einige Arbeitgeber ihre Angestellten quasi auf Zuruf beschäftigen. So komme es vor, dass Teilzeitbeschäftigte je nach Bedarf zwischen 30 und 40 Stunden eingesetzt werden. „Einige Arbeitgeber verlagern auf diese Art unternehmerisches Risiko auf ihre Angestellten. Da wird eine Flexibilität erwartet, die es weder ermöglicht, das Einkommen noch das Privatleben verlässlich zu planen.“ Gewerkschafter sprechen in dem Zusammenhang von der „Teilzeit-Falle“.

„Zeitarbeit und Befristungen sind aus unserer Sicht nicht prekär“, sagt dagegen Sebastian Schulze vom in Rendsburg ansässigen Unternehmensverband Mittelholstein. Zeitarbeit sei ein gutes Sprungbrett, besonders für Langzeitarbeitslose. „Und was ist an Teilzeit atypisch? Alles ist mittlerweile auf Work-Life-Balance ausgerichtet. Arbeit hat da gar nicht mehr den hohen Stellenwert wie früher. Klassische Vollzeitbewerber werden weniger.“ Seit 2001 haben Angestellte in Unternehmen mit mehr als 15 Mitarbeitern einen gesetzlichen Anspruch auf Teilzeitarbeit. „Wir haben keine Erhebung dazu, aber gefühlt haben viele von dieser Regelung Gebrauch gemacht“, sagt Schulze. In den vergangenen Jahren seien immer mehr Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt worden. Die Schul- und Kita-Struktur lasse es für Berufsrückkehrer aber unter Umständen nicht zu, nach ihrer Elternzeit in Vollzeit zu arbeiten. In Doppelverdiener-Haushalten sei das auch nicht immer notwendig. So sei es häufig der Wunsch der Arbeitnehmer, nur noch verkürzt zu arbeiten.

Ist die „Teilzeit-Falle“ in Wirklichkeit ein „Wunschmodell“ der Arbeitnehmer? Gewerkschafter Johne verneint: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Menschen so verändert haben, dass sich so der Anstieg um mehr als 80 Prozent in 13 Jahren erklären ließe. Menschen wollen immer noch Kinder und eine Familie gründen. Dass sie aufstocken und Wohngeld beantragen möchten, kann ich mir dagegen nicht vorstellen.“ Problematisch sei neben der hohen Zahl an Minijobs, dass es zwar einen Anspruch auf Teilzeit, aber keinen auf eine Rückkehr in Vollzeit gebe.

Schulze betont hingegen, dass der Wandel des Arbeitsmarktes für die Unternehmen in der Region schwierig sei: „Im Zweifel ist es für den Arbeitgeber mit einem höheren Aufwand verbunden, mehrere Teilzeitkräfte statt einer Vollzeitkraft zu beschäftigen.“

Erstaunlicherweise läuft die Diskussion um prekäre Verhältnisse, während gleichzeitig die Zahl der Arbeitslosen in den vergangenen Jahren gesunken ist. Schulze spricht in dem Zusammenhang von Fachkräftemangel und Zugeständnissen an Mitarbeiter in der Friseurbranche. Johne berichtet, dass in einigen Branchen die Ausbildungsvergütungen in jüngster Zeit deutlich erhöht wurden, um Nachwuchskräfte zu locken.

In einem Punkt sind sich der Gewerkschafter und der Unternehmer-Vertreter einig: Ob und in welcher Form sich Minijobs, Befristungen, Leiharbeit und Teilzeit-Modelle weiter durchsetzen, entscheiden auch die Arbeitnehmer.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen