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Gerichtsprozess : Imland-Arzt wird freigesprochen

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Aus der Redaktion der Landeszeitung

Ein Anästhesist war wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung angeklagt. Ein schwerkranker Patient hatte ein falsches Medikament bekommen und wurde nicht überwacht. Die Zuständigkeit blieb ungeklärt.

shz.de von
erstellt am 12.Feb.2014 | 19:46 Uhr

Knapp drei Stunden war es im Amtsgericht ein zähes Ringen um medizinische Feinheiten, dann war klar: Der 64-jährige Arzt der Imland-Klinik, der wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung auf der Anklagebank saß, war freizusprechen. „Und zwar ohne Wenn und Aber“, wie die Richterin betonte. Selbst die Staatsanwältin war für Freispruch.

Was war passiert? Am 1. Mai 2012 war ein damals 55-jähriger Mann aus der Nähe von Hohn in der Klinik in Rendsburg verstorben. Dort befand sich der stark übergewichtige Risikopatient wegen einer schweren Entzündung am Fuß. Außerdem litt er an Diabetes, nächtlichen Atemstillständen (Schlaf-Apnoe) und Herz-Rhythmus-Störungen. Einem erfolglosen ersten Eingriff am 18. April sollte ein weiterer sechs Tage später folgen. Doch dazu kam es nicht. Die OP war zunächst für den Nachmittag geplant, auf Anraten des angeklagten Arztes aber auf den frühen Morgen vorgezogen worden.

Dann allerdings musste sie wieder auf den Nachmittag verschoben werden. Der Patient war nicht nüchtern – er hatte kurz zuvor noch etwas gegessen. Zu diesem Zeitpunkt am Morgen hatte der 55-Jährige jedoch schon das Beruhigungsmittel „Tranxilium“ bekommen, um seine akute Angst vor der bevorstehenden Operation zu lindern. Die Gabe der Arznei an einen Patienten mit bekannter Schlaf-Apnoe entspreche nicht dem aktuellen Stand des Wissens, erläuterte der Sachverständige, Prof. Jochen Schubert vom Uni-Klinikum Rostock: „Ich hätte in diesem Fall niemals ,Tranxilium‘ gegeben. ,Tranxilium‘ und Schlaf-Apnoe passen einfach nicht zusammen. Da ist die Risikoabwägung falsch gelaufen.“

Die mögliche Verabreichung des Medikaments hatte der angeklagte Anästhesist am Vorabend nach einem Vorgespräch mit dem Patienten für den nächsten Morgen angeordnet – allerdings nur im Fall einer vorgezogenen OP. Er selbst war am Tag des geplanten Eingriffs nicht im Dienst und hatte die Verantwortung für den Patienten an das nächste behandelnde Team abgegeben. Und genau dort – in der nicht bestehenden Zuständigkeit – begründete sich letztlich auch der Freispruch. Warum es dann überhaupt zu einer Prozesseröffnung gegen den Angeklagten kam, blieb offen.

Unklar blieb vor Gericht auch, ob das eingenommene Beruhigungsmittel ursächlich für den Atemstillstand des Patienten war. Er führte letztlich zum Tode. Trotz gelungener Reanimation erlitt der 55-Jährige durch den zeitweisen Sauerstoffmangel schwere Hirnschäden und verstarb eine Woche später. Doch zumindest, so der Sachverständige im Gericht, hätte man bei den Stichworten „Schlaf-Apnoe“ und „Tranxilium“ umgehend reagieren und eine Überwachung des Patienten auf der Intensivstation anordnen müssen. Dann hätte der Atemstillstand und vermutlich auch der Tod des 55-Jährigen verhindert werden können.

Der Angeklagte und der Sachverständige, ebenfalls Anästhesist, diskutierten im Rahmen der Verhandlung über Fragen der Dosis, über Halbwertszeiten der Medikamente und über Empfehlungen dazu aus der Fachliteratur. Am Ende war es die Frage der Zuständigkeit, die bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft offenbar nicht korrekt bewertet wurde. Wie der Vertreter der Nebenklage nach Ende der Verhandlung sagte, sei der Verdacht der fahrlässigen Tötung durch Verantwortliche in der Imland-Klinik aber noch nicht aus der Welt. Jetzt gelte es zu prüfen, ob die Ermittlungen wieder aufgenommen werden.

„Einige Dinge, die uns erst heute klar geworden sind, gingen aus dem Akteninhalt anders hervor“, erklärte die Richterin bei ihrer Urteilsverkündung, und wandte sich dann an den Angeklagten: „Sie hatten nicht die Verantwortung dafür. Möglicherweise hat aber einer ihrer Kollegen versagt.“ Der Angeklagte wirkte nach dem Freispruch sichtlich erleichtert: „Der Tod des Patienten tut mir weh. Das Leid seiner Ehefrau kann ich nachempfinden. Auch ich habe ein Jahr lang schlecht geschlafen.“

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