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Mehr Aufgaben für LTG 63 : Im Tiefflug unterm Radar durch

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Aus der Redaktion der Landeszeitung

Die Transall soll in wenigen Jahren beim Lufttransportgeschwader 63 in Hohn ausgemustert werden. Doch bis dahin werden die Crews und das Flugzeug selbst noch für ganz neue Aufgaben vorbereitet.

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erstellt am 04.Dez.2013 | 06:00 Uhr

Hohn | Niedrig springt die Silhouette einer Transall über die bewaldete Hügelkette. Kurz vor dem Zielgebiet, in dem deutsche Staatsbürger auf die Evakuierung aus einer Krisenregion warten, zieht der zweimotorige Transporter dumpf brummend nach oben. Fallschirme lösen sich vom grün-grau getarnten Rumpf mit dem „Brummelbienen“-Wappen des Lufttransportgeschwaders 63 (LTG 63) am Bug: Das Combat Control Team (CCT) ist abgesprungen. Während die C-160 etwas abseits im Tiefflug ihre Kreise dreht, bereitet es in aller Eile eine Wiese als Landeplatz vor. Die Spezialisten berechnen die Abmessungen, bewerten die Tragfähigkeit des Bodens und markieren eine Behelfspiste, dann gibt einer der Heeres-Soldaten dem Transporter über Funk Landeerlaubnis. Steil stößt die Maschine herunter und setzt auf, die Laderampe senkt sich und ein schwer bewaffneter Trupp des Kommandos Spezialkräfte (KSK) schwärmt aus, um die Landezone zu sichern. Die Zivilisten eilen an Bord, gefolgt vom CCT. Während der Kommandant der C-160 die Triebwerke auf Touren bringt, springen die letzten KSK-Soldaten auf die geöffnete Laderampe. Dann hebt die Transall ab und nimmt wieder Kurs Heimat – im taktischen Tiefflug, möglichst unsichtbar für das gegnerische Radar.

„Derartige Operationen gehören mit der Neukonzeption vom 1. Juli 2013 zu einer der vornehmlichen Aufgaben der Bundeswehr“, sagt Major Michael R., Kapitän der zum 1. April 2013 neu aufgestellten 2. Staffel des LTG 63 in Hohn. Die hat einen in der Luftwaffe einzigartigen Auftrag: die direkte Unterstützung von Spezialkräften und speziellen Operationen. „Die Entführung von deutschen Touristen im Grenzgebiet von Ägypten und Sudan 2009 oder die Notwendigkeit der Evakuierung von europäischen Staatsbürgern aus Libyen 2011 haben erneut gezeigt, dass man eine Lufttransport-Einheit braucht, die Spezialkräfte schnell ans Ziel bringen kann. Dafür wurde die Staffel ins Leben gerufen.“

Die steckt allerdings noch in den Kinderschuhen: „Wir bauen auf, das braucht Zeit“, sagt Major R. Noch fehlten viele Infrastruktur-Voraussetzungen für die als geheim eingestuften Tätigkeiten. Auch die digitale Anbindung sei erst im Entstehen. So habe die Staffel nur zwei Verlegesätze, mit denen eine Besatzung im Einsatzgebiet Flüge planen und mit den Spezialkräften kommunizieren kann, und von drei Satellitenkommunikations-Anlagen sei auch erst eine vorhanden. „Die brauchen wir aber, um von Hohn aus mit verlegten Maschinen an jedem Punkt der Welt in Verbindung treten zu können und – wenn nötig – auch mehr als ein Szenario zu bedienen.“ Dennoch arbeite das Geschwader bereits seit 2009 mit Kommando-Einheiten zusammen. „Insbesondere mit dem KSK in Calw, das großes Interesse an der Kooperation hat.“

Ein sehr wichtiges Element sei der Aufbau einer Vertrauensbasis, nicht nur bei den Elitesoldaten selbst, sondern auch bei anderen Nato-Einheiten, die im Breich „SOF Air“ – Special Operation Forces Air / Spezialeinsatzkräfte Luft – operieren, so Staffel-Einsatzstabsoffizier Major Thomas M. „Wenn man sich kennt, kann man auf anderer Ebene mit den Soldaten reden, die wissen dann, dass die Expertise vorhanden ist. Und bei anderen derartigen Staffeln der Nato wird man auch mitteilsamer." Sein „Einsetzer“ und er seien dort schon bekannt, ergänzt der Staffelkapitän. „Unser Ziel ist es aber, dass dieses Standing durch die Staffelzugehörigkeit getragen wird und nicht nur durch einzelne Personen.“

Ohnehin sei alles, was jetzt mit der Transall erarbeitet werde, Aufbauhilfe für die Arbeit mit dem A400M. „Die C-160 ist für den Passagiertransport nur bis 7620 Meter Höhe zugelassen, aber da beginnt erst die Region, in der die KSK-Soldaten bei Freifallsprüngen aus großer Höhe abgesetzt werden möchten“, sagt Major R. Der A400M habe bessere Leistungsparameter und eigne sich viel besser für die schnelle strategische Verlegung von Spezialkräften. Dennoch werde die Transall, die mindestens bis 2019 fliegt, noch an die neuen Erfordernisse angepasst – um bereits jetzt Erfahrungen zu sammeln, die auf die A400M übertragen und unmittelbar in die Fliegerei mit dem neuem Flugzeug übernommen werden können. „Eine C-160 wird derzeit in Manching für den Flug mit Nachtsichtbrillen umgebaut. Wir brauchen ein dunkles Cockpit mit abgedämpften Lampen, die bedarfsabhängig hell geschaltet werden können“, erläutert der Staffelkapitän. Da die technische Umsetzung schwierig sei, verzögere sich die eigentlich für Ende 2013 geplante Ankunft in Hohn. Die Nachtsichtbrillen-Helme seien dagegen schon da. Auch die US-Einheiten würden mit dieser Brille fliegen. „Wir haben schon mit Engländern und Amerikanern gesprochen, wie dort die Ausbildungsgänge sind“, sagt der Staffelkapitän. „Im Bereich Nachtsichtbrillen sind die nicht so schweigsam wie bei verdeckten Operationen.“ Die Fliegerei mit Nachtsichtbrillen sei für die Crews der Transall völliges Neuland. „Wir müssen nicht nur das Flugzeug umrüsten, sondern auch die Verfahren im Cockpit anpassen. Vieles funktioniert nicht mit den Brillen, weil räumliches Sehen nicht möglich ist.“ Zwar sei seine Staffel hier Vorreiter: „Das ist aber nicht das Kerngeschäft. Die anderen Verbände und die 1. Staffel werden später ebenfalls Crews haben, die mit Nachtsichtbrillen fliegen können.“ Doch erst wenn der Muster-Umbau abgenommen sei, würden weitere Transalls für diesen Einsatzzweck umgerüstet. „Das werden aber nur Maschinen sein, die für die elektronische Kampfführung (EloKa) tauglich sind und die erweiterte Selbstschutzanlage haben.“ Alle derartig ausgerüsteten C-160 würden in der 2. Staffel des LTG 63 zusammengefasst.

Auch die Vorschriften müssten geändert werden: „In der Dunkelheit ist uns Fliegen unter 610 Meter nicht erlaubt“, so Major R. Der Einsatz von Nachtsichtbrillen sei dabei allerdings unberücksichtigt. „Unser Bestreben ist es, tiefer gehen zu dürfen – wir müssen uns auch in Bodennähe bewegen können, um dem Radar zu entgehen.“ Ein Nachtsichtbrillen-Flug in 30 Metern Höhe sei allerdings unrealistisch. „Das ist zu gefährlich.“ Tiefstflüge bei Tag möchte der Staffelkapitän gerne in die Ausbildung übernehmen. Ob das klappt, ist aber ungewiss: „Die Flugstunden der deutschen Transall-Flotte sind seit 2010 um 30 Prozent reduziert worden, und es geht 2014 weiter abwärts“, sagt Major R. Priorität habe der Auslandseinsatz. „Aber wir werden uns dafür einsetzen, dass die Luftwaffe für unsere Crews ein hohes Flugstundenkontingent ausgibt, damit wir auch Einzelfähigkeiten trainieren können.“

Flugzeuge sind ebenfalls knapp: „Von den 58 verbliebenen Transalls der Luftwaffe sind immer einige zur Überholung in der Industrie. Die restlichen teilen sich auf die drei Lufttransportverbände auf, die wiederum die Auslandseinsätze bedienen“, sagt Oberst Hartmut Zitzewitz, Kommodore des LTG 63. „Jedem Verband stehen am Heimatplatz so durchschnittlich elf Maschinen zur Verfügung einschließlich derer, die vor Ort in der Inspektion sind. Darüber hinaus halten die Geschwader im Wechsel noch ein speziell ausgerüstetes Flugzeug zur schnellen Evakuierung von Kranken und Verwundeten bereit. Abzüglich derer, die gerade unterwegs oder unklar sind, können so am Platz nur wenige Luftfahrzeuge für die Aus- und Weiterbildung der Crews genutzt werden“, rechnet er vor. Dabei seien die Aufgaben der Hohner vielfältig: „Neben der Teilnahme am allgemeinen Lufttransport sind wir seit elf Jahren Leitverband für den Einsatz der LTG in Afghanistan und seit Februar 2013 auch bei dem von der Uno geführten Einsatz in Mali dabei.“ Und da das LTG 63 der Verband sein wird, in dem die C-160 ausläuft, würden hier auch alle weiteren mit diesem Muster in Verbindung stehenden Aktivitäten konzentriert. „Zum 1. April 2014 übernehmen wir vom LTG 62 in Wunstorf die Schulung der Besatzungen. Zudem wird auch die für Technik, Taktik und Verfahren zuständige Gruppe bei uns angesiedelt, die sich mit der Erprobung aller Änderungen an diesem Muster befasst.“

Mit der Übernahme der Aufgaben vom LTG 62 kommt eine Menge Arbeit auf Major Thorsten F. zu, den Leiter Fliegerische Ausbildung in der 1. Staffel. „2014 sollen hier 16 junge Copiloten, die frisch vom Basis-Training an der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa in Bremen kommen, ihre C-160-Musterberechtigung erhalten“, sagt er. Der fliegerische Teil des Lehrgangs werde in Hohn durchgeführt, die theoretische und die Simulator-Schulung verblieben jedoch in Wunstorf, dann allerdings unter der Verantwortung und mit Lehrpersonal des LTG 63. Das gelte auch für die anderen Lehrgänge wie etwa für die Kommandantenschulung, die 2014 für sechs Copiloten durchgeführt werde. „Weiterhin wollen wir in dem Jahr vier Transall-Fluglehrer, zwei Ladungsmeisterlehrer, vier Bordmechanikerlehrer und vier Taktische Systemoffiziere (TSO) ausbilden.“ Die Auslandseinsätze würden viel Personal binden und die für die Bedienung der Selbstschutzanlage und die elektronische Kampfführung zuständigen TSO seien Mangelware. „Für den A400M werden TSO allerdings nicht mehr gebraucht, da gehört dieser Bereich mit zur Aufgabe der Piloten.“ Deshalb würden im Hinblick auf das Crew-Konzept des Nachfolgemusters bereits jetzt in Ergänzung zu den TSO auch Piloten in dieser Tätigkeit geschult. Die Arbeit des Ladungsmeisters hingegen bliebe erhalten, sie werde im neuen Transporter sogar aufgewertet. „Dessen Dienst wird viel komplexer.“

Ein stolzes Aufgabenpaket also für einen Verband, dessen Auflösung beschlossene Sache ist: „Ab 2019 in Abhängigkeit des Zulaufs der A400M“, so Zitzewitz. Dann wird die Transall als Arbeitspferd der Luftwaffe mehr als ein halbes Jahrhundert von Hohn aus unterwegs gewesen sein, denn beim LTG 63 hatte 1968 auch ihre lange Bundeswehr-Karriere begonnen.

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