Abgründige Familiengeschichte : Im Spiegelkabinett des Grauens

Kostümiert waren die Darsteller in den drei Nichtfarben Grau, Schwarz und Weiß. Bodendorff
Kostümiert waren die Darsteller in den drei Nichtfarben Grau, Schwarz und Weiß. Bodendorff

„Hamlet ist tot. Keine Schwerkraft“: Die szenische Lesung am Nordkolleg ging unter die Haut.

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26. März 2018, 12:59 Uhr

Rendsburg | Mit solchen Leuten will man eigentlich nichts zu tun haben. Indes sind sie ein Spiegel unserer Gesellschaft. Die dargestellte Intensität ging unter die Haut.

Unter dem Motto „Raus – Neue Stücke“ präsentierte das Nordkolleg Rendsburg in Zusammenarbeit mit dem Schleswig-Holsteinischen Landestheater das etwa einstündige Stück „Hamlet ist tot. Keine Schwerkraft“ des 1978 geborenen Österreichers Ewald Palmetshofer. Sophie Friedrichs hatte es spannend inszeniert.

Die 15 Zuschauer hatten es sich „in ihrer Einsamkeit gemütlich eingerichtet“. Sie wurden von einer bitter-komischen und abgründigen Familiengeschichte zwischen vielen Ebenen der Sprache und des eng begrenzten Denkens über den Sinn des Daseins hin- und hergeworfen. Auf gedankenvolle Monologe folgten grausige Begrüßungs-Dialogstürme, platte Worthülsen, leeres Gerede auf niederster Ebene und unvollständige Sätze, die die heutige Kommunikation widerspiegelten. Zwischendurch erklang auch zarte Poesie und romantisches Gedankengut.


Leere Worte entlarven heutige Kommunikation

Eine Figur verfing sich in einem pseudophilosophischen Diskurs: „Ich kann nicht über die Zukunft erzählen, über die Gegenwart auch nicht, weil die viel zu klein ist zum Erzählen, weil, sie ist gleich wieder Vergangenheit“, worauf kaum erträgliche vulgäre Grobheiten mit zermürbenden Wiederholungen und Ehedialoge à la Loriot folgten.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Die Geschwister Dani und Mani in Gestalt von Alexandra Pernkopf und Nenad Subat kommen nach Hause, um am gleichen Tag sowohl den 95. Geburtstag ihrer Großmutter als auch die Beerdigung ihres Schulkameraden Hannes zu begehen. Ihre Mutter Caro, Ingeborg Losch, überlegt, wie sie die Jubilarin beseitigen kann. Vater Kurt, André Becher, hat ein Verhältnis mit der Mutter des Verstorbenen. Beim Begräbnis begegnen sie auch noch ihren ehemaligen Freunden und Lieben Bine und Oli, in Szene gesetzt von Neele Frederike Maak und Robin Schneider, die inzwischen miteinander verheiratet sind. Die Ereignisse des Tages münden in eine Katastrophe mit dem Tod der Großmutter, wofür ein wenig nachgeholfen wurde. Die Kostümierung der Akteure erfolgte in den drei Nichtfarben Grau (Eltern), Schwarz (Kinder) und Weiß (Freunde). Und nicht zuletzt wurde auch passende Musik ausgewählt: das Stück „Spiegel im Spiegel“ von Arvo Pärt, das bestens die Struktur der einzelnen Paar-Beziehungen aus anderer Perspektive spiegelt.

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