Im historischen Kielwasser von Jules Verne

Eindrucksvoll: Die „Saint Michel II“ legte einen Zwischenstopp im Obereiderhafen ein.
1 von 2
Eindrucksvoll: Die „Saint Michel II“ legte einen Zwischenstopp im Obereiderhafen ein.

Nachbau der Yacht des Schriftstellers machte im Obereiderhafen fest

shz.de von
16. Juni 2014, 07:00 Uhr

Noch ein wenig verschlafen klettert Michel Pepin an Deck und blickt in die Runde. Er ist der 2. Kapitän an Bord der „Saint Michel II“. Mit dem originalgetreuen Nachbau der zweiten Yacht von Jules Verne sind er und fünf weitere Crew-Mitglieder auf dem Weg nach Kiel. Jetzt machte die Mannschaft des Vereins „La Cale 2 L’ile“ aus dem französischen Nantes auch im Obereiderhafen fest, ist mittlerweile aber schon weiter nach Kiel gefahren. Mit Hartwig Reimann ist auch ein gebürtiger Kieler mit an Bord.

Das Schiff, mit dem die sechs braungebrannten Männer unterwegs sind, ist wahrlich nicht irgendeines. Es ist der Nachbau der zweiten Yacht des berühmten Schriftstellers und Abenteurers Jules Verne (1828-1905), mit dem die Crew ihren Segeltörn vom französischen Nantes bis nach Kiel macht. „Das Schiff sieht von außen exakt so aus wie die Yacht von Jules Verne – allerdings haben wir eine wesentlich modernere Ausstattung und auch mehr Komfort“, erklärte Reimann. Am 24. Mai starteten die sechs Männer, um es ihrem großen Vorbild nachzutun. Genau wie Jules Verne, der in Nantes geboren wurde, lieben sie das Meer und das Abenteuer. Verne fuhr – allerdings mit seiner deutlich größeren Dampfyacht „Saint Michel III“ – im Jahr 1881 von Boulogne-sur-mer bis nach Kopenhagen. Dabei durchquerte das Schiff Schleswig-Holstein über Eider, Eiderkanal und Gieselau-Kanal und kam so auch an Rendsburg vorbei. Eher zufällig erfuhr Hans-Julius Ahlmann, Geschäftsführender Gesellschafter der ACO-Gruppe, vom Eintreffen der Franzosen und ihrer imposanten Yacht und bot spontan einen Liegeplatz am Firmengelände an. Dort verbrachte die Crew einen entspannten Tag inklusive Besichtigung der NordArt. Guido Schwartze von ACO erklärte: „Hier war früher die Pferdehalterei für den Treidelpfad – hier wird wohl auch Jules Verne mit seiner Yacht gelegen haben.“

Von der NordArt-Ausstellung zeigten sich Hartwig Reimann und seine fünf Segel-Kameraden – Kapitän Daniel Croze, Michel Pepin, Jean-Pierre Bourgeois, Patrick Le Gouadec und Alain Doaré – beeindruckt. In Kiel selbst sind die sechs „Vernianer“ und ihre Yacht selbst die Attraktion und Teil der Veranstaltung „Jules Verne in Kiel und auf dem Eiderkanal 1861 bis 1881“, die von der Initiative „Maritimes Viertel Kiel“ auf die Beine gestellt wurde. Zu beiden Seiten des Kanals, im Maschinenmuseum und im Zentrum Klassischer Yachtsport erwarten die Besucher in der Landeshauptstadt Ausstellungen, Vorträge und Aufführungen.

Die Fahrt über die Eider und den Gieselau-Kanal nach Rendsburg war zuvor bei dem vergleichsweise großen Tiefgang der Yacht nicht unproblematisch, berichten die Segler. Das Wasser- und Schifffahrtsamt Tönning sorgte jedoch durch die Regulierung des Eidersperrwerks dafür, dass das bretonische Schiff in der Eider allzeit „eine Handbreit Wasser unter dem Kiel“ hatte. Kopfzerbrechen bereiteten den Nautikern an Bord auch die Schleifen und Windungen des Flusses. Schon die Dampfyacht von Jules Verne hatte 1881 kurz vor Süderstapel Grundberührung. Das allerdings war damals nicht ihr einziges Problem. In Rendsburg musste sie mit Hilfe von preußischen Marinern ihr langes Bugspriet abbauen, damit sie überhaupt erst in die Schleusen des Eiderkanals passte. Bei der 13,27 Meter langen und 3,52 Meter breiten „Saint Michel II“ war das jedoch nicht nötig, konnte sie doch nach ihrer Abfahrt aus Rendsburg mit dem Nord-Ostsee-Kanal – den erweiterten Nachfolger der Eiderkanals – nutzen.

Auslöser für den Aufbruch der Franzosen aus Nantes war die Online-Publikation „Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt des Nordens 1881“ von Friedemann Prose, Mitglied des Jules-Verne-Clubs und Initiator der Organisation „Maritimes Viertel“ in Kiel . Darin werden neben der bereits bekannten Beschreibung durch Jules Vernes Bruder Paul und weiteren Dokumenten erstmals die Aufzeichnungen veröffentlicht, die Jules Verne selbst in seinem persönlichen Bordbuch der „Saint Michel III“ machte. Die einzelnen Kapitel bildeten die historische Grundlage für die Rekonstruktion der Route.

> Informationen zur Veranstaltungsreihe rund um das Thema „Jules Verne in Kiel“ gibt es unter www.maritimes-viertel.de

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen