Razzia in Büdelsdorf : IBG mit 50 Millionen Euro im Minus

Schmid-Sperber.
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Schmid-Sperber.

Razzia beim insolventen Massivhaus-Spezialisten: Der Geschäftsführer wird beurlaubt, der Insolvenzverwalter rechnet mit mindestens 1000 Gläubigern.

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15. November 2012, 07:39 Uhr

Büdelsdorf | Der Parkplatz vor dem Stammsitz war voll besetzt. Doch dieses Mal waren es keine Kunden oder Vertreter, die IBG einen Besuch abstatteten. Stattdessen betraten Polizei und Staatsanwaltschaft die Geschäftsräume an der Hollerstraße. Die Insolvenz der Baufirma löste am Mittwochmorgen eine Großrazzia aus, nicht nur in Büdelsdorf. In vier Bundesländern rückten insgesamt 65 Kriminalbeamte, sieben Staatsanwälte und Beamte der Steuerfahndung aus. Zuvor waren bei der Staatsanwaltschaft Kiel Strafanzeigen von Bauherren und Handwerkern gegen die Büdelsdorfer Firmengruppe eingegangen. Alarmiert worden waren die Ankläger darüber hinaus durch die Berichte in unserer Zeitung: "Auch in den Medien war bereits über Stillstände an zahlreichen Bauvorhaben der IBG berichtet worden", heißt es in der Mitteilung der Behörde.

Außer in der Zentrale durchsuchten Beamte auch in Neu-Isenburg (Hessen), Hennigsdorf (Brandenburg) und Essen (Nordrhein-Westfalen) Geschäftsräume des Massivhaus-Spezialisten. Dort befinden sich die drei IBG-Niederlassungen. Ins Visier gerieten außerdem Privathäuser, unter anderem der Wohnsitz des bisherigen Geschäftsführers Marc Pohlke (Foto). Er hatte sich vergangene Woche selbst beurlaubt - auf Bitte des Insolvenzverwalters.

Gegen IBG ermittelt wird unter anderem wegen des Verdachts auf Betrug, Steuerhinterziehung und Insolvenzverschleppung. Am Stammsitz stellten drei Staatsanwälte und mehrere Polizeibeamte mögliches Beweismaterial sicher, beschlagnahmten Akten und Dateien. Auch der vorläufige Insolvenzverwalter, Rechtsanwalt Reinhold Schmid-Sperber, befand sich vor Ort. Nach seinen Angaben belaufen sich die Verbindlichkeiten der Unternehmensgruppe auf "40 bis 50 Millionen Euro". Man habe, so der Insolvenzrechtler aus Kiel, "eine in vielerlei Hinsicht sehr unschöne Situation vorgefunden". Der Einblick in das Unternehmen sei schwierig, da man es deutschlandweit mit insgesamt elf Gesellschaften zu tun habe. Die Zahl der Gläubiger taxierte Schmid-Sperber "im vierstelligen Bereich". Eine Frist, ab der Geldforderungen gestellt werden könnten, gebe es noch nicht, so der Insolvenzverwalter. Eine Anmeldung sei noch nicht möglich.

Dass es um hohe Summen geht, steht für den Insolvenzrechtler außer Frage. Hunderte Bauherren klagen über monatelangen Stillstand auf ihrer Baustelle und dadurch entstandene Schäden. Viele lassen ihre Häuser inzwischen durch andere Unternehmer fertigstellen und bleiben dadurch auf fünfstelligen Mehrkosten sitzen. Und auch aus bereits beendeten Projekten droht Ärger. "Die große Unbekannte ist die Frage der Gewährleistungsansprüche", so Schmid-Sperber. Bauherren, denen IBG ein Eigenheim bereits übergeben hat, können innerhalb der ersten fünf Jahre Geld zurückverlangen. Zum Beispiel dann, wenn Mängel festgestellt werden. Und von denen, so berichten wütende bis entnervte Häuslebauer in Internetforen und anderen Medien, gab es zuletzt viele.

Die 1994 gegründete Baufirma zählte nach eigenen Angaben zu den führenden Anbietern schlüsselfertiger Massivhäuser in Deutschland. Ihr Internetauftritt blieb lange unverändert. Erst gestern Abend wurde die Seite mit Hinweis auf den wirtschaftlichen Niedergang umgestaltet. Dabei warten 1650 Bauherren mit IBG-Verträgen auf Nachrichten aus Büdelsdorf. Die Geschäftsführung hatte trotz mehrfacher Nachfrage unserer Zeitung stets jede Auskunft verweigert.

Am 2. November schließlich leitete IBG beim Amtsgericht Neumünster das Insolvenzverfahren ein. Davon betroffen waren insgesamt elf Gesellschaften - die IBG Holding GmbH sowie zehn Tochtergesellschaften.

Zum Zeitpunkt des Insolvenzantrags beschäftigte IBG in ganz Deutschland 155 Mitarbeiter, davon 85 in Büdelsdorf. Nur 140 erhielten Insolvenzgeld, ihnen wurden nachträglich zwei Monatsgehälter ausgezahlt. Nach Angaben von Schmid-Sperber gab es seit Beginn des Eröffnungsverfahrens mehrere Eigenkündigungen. Ihm zufolge stehen mehr als 650 Bauvorhaben still. Außerdem liegen rund tausend weitere Bauherren-Verträge auf Eis. "Es gibt noch Hoffnung", sagte Schmid-Sperber am Tag der Durchsuchungen. "Wir sind im Gespräch mit Investoren." Der Vorteil sei, dass diese nicht die Verbindlichkeiten übernehmen müssten. Bereits heute will der vorläufige Insolvenzverwalter weitere Einzelheiten bekanntgeben.

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