Hoffnung und Lachen treiben ihn an

Auf dem Weg: Arnold und Nico Schnittger legten gestern am Kanal einen kleinen Zwischenstopp ein. Foto: org
Auf dem Weg: Arnold und Nico Schnittger legten gestern am Kanal einen kleinen Zwischenstopp ein. Foto: org

Protest eines Vaters: Arnold Schnittger schiebt seinen behinderten Sohn Nico im Rollstuhl von Flensburg bis an den Bodensee

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23. Juli 2013, 03:59 Uhr

Rendsburg | "Inwendig warm" heißt das Motto einer außergewöhnlichen Vater-Sohn-Wanderung von Flensburg bis an den Bodensee. Als Arnold Schnittger (61) gestern Vormittag Nicos Rollstuhl über den Paradeplatz schiebt, ist ihm nicht nur inwendig warm. Die Sonne brennt erbarmungslos und die Strecke ist noch lang. Tagesziel ist Jevenstedt, danach geht es über Aukrug, Hamburg und Frankfurt bis nach Gaienhofen. Insgesamt 1100 Kilometer. Mit seiner Wanderung will Arnold Schnittger auf die Probleme von Familien mit behinderten Kindern aufmerksam machen. "Die Überschrift für alles ist die Sorge um die Zukunft meines Jungen", sagt der Hamburger. "Es sind die besondere Lebenssituation und die damit verbundenen, schier unerträglichen Rahmenbedingungen, die eine solche Wanderaktion notwendig machen."

Der Weg durch Deutschland soll aber auch Protest gegen die Pflegesituation im Allgemeinen sein. "Es ist ein Aufruf an die Gesellschaft, ein Protest gegen die Politik und die Forderung nach mehr Wertschätzung." Und dann ist da noch ein ganz konkretes Ziel, ein Wohnprojekt für Eltern mit behinderten Kindern mit dem Namen "Nicos Farm". Dafür werden Freunde, Unterstützer und Sponsoren gesucht.

Am Startpunkt der gestrigen Etappe warten Arnold Schnittger und Nico vergeblich auf Unterstützer. "Ich habe jeden Behindertenbeauftragten kontaktiert, auch Vertreter von Politik und Verwaltung. Aus Rendsburg ist keine Antwort gekommen", sagt der Vater. In Hamburg soll es besser werden. Da sind die Reisenden Teil eines Integrationsfestes. Aber bis dort ist es noch weit.

Auf den ersten Blick wirken Vater und Sohn wie einfache Spaziergänger. Und so sind sie auch unterwegs. Immer ein offenes Auge für die Umgebung - und Nico genießt sogar. Vom Kanal und dem Anblick der Schiffe kann er sich gar nicht losreißen. Und im kühlen Fußgängertunnel geht es erst richtig los. Der 18-Jährige jubelt vor Freude über die Abwechslung, die Stimme hallt in der engen Röhre so schön. "Diese Momente der Lebensfreude geben auch mir unheimlich viel zurück", sagt Arnold Schnittger. Es sind offenbar auch Momente, die er braucht, um nicht den Mut zu verlieren.

Der heute 61-Jährige arbeitete als freier Fotograf, als Nico geboren wurde. Als dann noch Nicos Mutter, seine Lebensgefährtin, schwer krank wurde, war er plötzlich alleinerziehender Vater eines geistig und körperlich behinderten Sohnes. Arnold Schnittger konnte bald keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen, war auf finanzielle Unterstützung der Ämter angewiesen und stürzte sich in ungezählte Kämpfe mit Behörden. Arnold Schnittger berichtet von Ignoranz, Ablehnung und Überforderung gegenüber der Behinderung seines Sohnes, von einem eigenen Sitzstreik in der Filiale einer Krankenkasse und vielen Enttäuschungen.

"Was wird aus meinem Sohn, wenn ich einmal nicht mehr die Kraft habe, mich um ihn zu kümmern?" Diese Frage treibt Arnold Schnittger an. Sie treibt ihn 1100 Kilometer zu Fuß durch Deutschland - mit dem Rollstuhl immer voraus. Die Hoffnung auf Unterstützung durch Politik und Gesetze hat der Vater längst aufgegeben. Aber es gibt Lichtblicke: Freunde, Gleichgesinnte, die Katharina-Witt-Stiftung, die bei der aktuellen Wanderung hilft, Konstantin Wecker, der sich als Schirmherr zur Verfügung stellt. Es ist die Hoffnung auf Förderer für das Projekt "Nicos Farm", das seinem Sohn eine Zukunft geben sollte - das lässt ihn weitermachen. Und das Lachen im Fußgängertunnel hält ihn inwendig warm.

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