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Henning Boëtius: Wiedersehen mit den Orten der Jugend

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

„Graue Augen hinter dicken Brillengläsern“ blickten ihn an. Daran erinnert sich Henning Boëtius noch genau. Seine Begegnung mit dem Lehrer Edward Hoop ist ihm lebhaft im Gedächtnis. „Ohne ihn wäre ich Physiker geworden“, sagt der Schriftsteller über sein Zusammentreffen mit dem Pädagogen und Stadt-Historiker, mit dem ihn später ein freundschaftliches Verhältnis verband. Edward Hoop lebt nicht mehr. Aber im neuen Boëtius-Buch wird die schicksalhafte Begegnung für die Nachwelt erhalten bleiben. Einer der Gründe, warum er das Buch schreibe, erklärt der Autor am Mittwochabend.

Es war ein Wiedersehen mit alten Bekannten und Orten der Jugend: Henning Boëtius machte nach einem Föhr-Besuch auch Stopp in der Region Rendsburg. Auf Einladung der Kulturstiftung Schülp las er am Mittwoch im „Schülper Kroog“; am Abend darauf im Nordkolleg. Dabei plaudert der 74-Jährige offen und anregend über die Stationen seines Lebens – denn um die geht es in dem autobiografischen Werk, an dem er noch arbeitet. „Ohne Rücksicht auf Quote und Erwartungshaltungen“, wie er sagt.

Aber einfach eine romanhafte Biografie schreiben will er nicht. „Das ist eitel.“ Also hat er eine Rahmenhandlung ersonnen. Die ist jedoch nicht Thema an diesem Abend. Boëtius hat sowohl einen dicken Manuskriptstapel als auch seinen Laptop dabei und sucht heraus, was ihm für den Ort angemessen erscheint. Zum Beispiel die Begegnung mit „Eddy“ Hoop in der Herderschule. „Die Lehrer liebten oder hassten mich.“ Sein Verhältnis zur Umwelt war nicht einfach, so Boëtius.

Als verrückt bezeichnet er sich selbst. Sonderling würde mancher wohl eher sagen oder ein Mensch mit Hang zur Exzentrik. Ein Mann, der auch im Alter einen Pferdeschwanz trägt, der mindestens zwei wissenschaftliche Karrieren in den Wind schlug, lange Hausmann war. Der Kontakt zu Klassenkameraden war schwierig, denn der junge Boëtius beschäftigt sich mit Atomphysik, Astronomie und bastelt an Radios. „Ich war ein Nerd“, sagt er heute von sich – ein Außenseiter, ein Fachidiot.

Einer, der nicht einmal Bus fahren konnte, als er nach Rendsburg kam. Die ersten Lebensjahre verbrachte er im Bombenhagel in Frankfurt, kam traumatisiert auf die Insel Föhr. Die Zeit dort habe ihn geprägt, erklärt der Autor. „Die Insel hat mich mit Bildern versorgt“, ohne die er nie hätte Schriftsteller werden können. Als er sich auf Föhr eingelebt hatte, erhielt sein Vater den Job bei der Reederei Zerssen und die Familie zog Mitte der 50-er Jahre in die Kanalstadt. Das war ein einschneidendes Erlebnis. „Die Stadt war ein geheimnisvoller Dschungel, in den ich mich nicht hinein traute.“

Ein besonderer Mikrokosmos war die Pension Dressler in der Reventloustraße, in der er die erste Zeit mit seinen Eltern lebte. Die Tochter ist mehrfach Gegenstand seiner Betrachtungen; aber an ihren Namen erinnert er sich nicht. Unter den 30 Gästen, die zur Lesung in Schülp gekommen sind, kennt eine Dame die Beschriebene und kann ihm helfen. „Ich lese zum ersten Mal aus diesem Buch. Es macht mir Spaß“, verkündete er. Man hätte ihm auch noch lange zuhören können. Henning Boëtius hat auch noch viel zu sagen – und der Vorschuss für das Manuskript reicht noch vier Jahre zum Leben.

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erstellt am 06.Sep.2013 | 00:34 Uhr

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