Interview : Henning Boetius: „In Rendsburg wurde ich zum Schriftsteller“

Henning Boëtius
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Henning Boëtius

Schriftsteller Henning Boëtius kommt zu einer „nicht jugendfreien“ Lesung ins Nordkolleg. Er liest aus seiner Romanbiografie vor.

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27. Mai 2015, 17:00 Uhr

Mit seinem Roman „Phönix aus Asche“ feierte Schriftsteller Henning Boëtius Welterfolge, die Geschichte über die Katastrophe an Bord der „Hindenburg“ war sein Durchbruch. Seit ein paar Jahren schreibt der heute 76-Jährige an seiner Romanbiografie. Am 31. Mai wird er im Nordkolleg aus dem Werk vorlesen und das Rendsburg der 50-er Jahre aufleben lassen. Mit Redakteurin Jana Walther sprach er über die wilde Zeit damals, wie er zum Schriftsteller wurde und warum Nicole Kidman nie dazu kam, seine Mutter auf der Kinoleinwand zu spielen.

Herr Boëtius, Sie haben im Alter von 16 bis 19 Jahren in Rendsburg gelebt. Welchen Einfluss hatte die Zeit auf Sie?

Rendsburg ist der wichtigste Ort für mich, in der Zeit passierte die geistige Hauptentwicklung. Ich bin auf die Herderschule gegangen. Ich war so etwas, was man heute einen Nerd nennt, ein Wunderkind in Physik und Mathematik. Mit 16 habe ich die Relativitätstheorie kapiert. Eddi Hoop hat mich damals als Deutschlehrer unterrichtet. Er hat meine Karriere in den Naturwissenschaften zerstört, was ich ihm bis heute danke. Er hat mich zum Schreiben gebracht.

Sie sind in Hessen geboren. Wie sind Sie nach Schleswig-Holstein gekommen?

Als ich sechs Jahre alt war, ging es für mich nach Föhr, mit 16 dann nach Rendsburg. Das war 1955. Mein Vater hatte eine Stelle bei Zerssen als Inspektor angenommen.

Wie haben Sie Ihre Jugend in Rendsburg erlebt?

Ich war viel mit meinen beiden besten Freunden unterwegs. Wir waren die drei Musketiere des Wahnsinns. Zum Trinken gingen wir regelmäßig in die „Skala“ in der Herrenstraße – das war das einzige Striptease-Lokal der Stadt. Davon erzähle ich auch in meinem Buch, von den dicken Frauen, die sich dort zu Mambo-Musik ausgezogen haben. Der Gitarrist in dem Lokal war mein Gitarrenlehrer. Und immer, wenn die Landwirtschaftsmesse stattfand, war die „Skala“ voll. Genauso wie das Bordell, die „Goldene Sieben“, in der Alten Kieler. Es war wirklich eine aufregende Zeit, in der ich zum Schriftsteller geworden bin.

Wo haben Sie Ihre Gedichte und ersten Romane geschrieben?

Es gab eigentlich nur zwei Hot-Spots für einen Literaten wie mich in Rendsburg: Die Milchbar zwischen Jungfernstieg und Weißer Brücke und Greens Hotel. Das war ein unglaublich tolles, verwahrlostes Hotel mit richtigen Kellnern, wie man sie aus Wien kannte. Vor allem erinnere ich mich an Rosi. Sie war klein und hübsch – wir waren alle in Rosi verliebt.

Sie haben in Ihrem Leben aber nicht nur als Schriftsteller gearbeitet.

Nein, ich bin durch alle Höhen und Tiefen gegangen. Ich war Theatermusiker, ich war Penner, ich war Goldschmied. Ich war in einer Frauen-WG der einzige, der kochen konnte.

Ihr bekanntestes Werk ist „Phönix aus Asche“. Ihr Vater war an Bord des Zeppelins und hat das Unglück überlebt. Was bedeutet Ihnen das Buch?

Sehr viel. Mein Vater und ich waren ein Leben lang im Klinsch. Er war ein bildschöner, erfolgreicher Seemann, und ich das Gegenteil. Ich bin in die Welt des Schreibens abgetaucht. Das gefiel ihm nicht. Meine Frau brachte mich auf die Idee, aus der Geschichte meines Vaters ein Buch zu machen. Daraus ist eine späte Freundschaft zwischen meinem Alten und mir geworden. Ich habe sogar noch ein Stück des Wracks in meinem Haus. Er hat mir alle Unterlagen gegeben, alles erzählt und irgendwann habe ich ihm zähneklappernd das Manuskript geschickt. Und er sagte zu mir: „Du hast mir mein Leben noch mal geschenkt.“ Das ist der schönste Satz, den ein Sohn von seinem Vater hören kann. Ich kriege jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich den Satz ausspreche.

Die Filmrechte zu dem Buch hat sich Universal Pictures gesichert.

Ja, das stimmt. Nur aus der Produktion ist damals leider nichts geworden. Das Drehbuch war fertig, Nicole Kidman sollte meine Mutter spielen. Dann kam der 11. September, und das Projekt wurde gecancelt. Und wenn Hollywood einen Film cancelt, dann kommt er auch nicht mehr.

Was erwartet die Besucher bei der Lesung?

Ein Autor, der gerne erzählt und der ihnen aus dem Buch vorliest. Ich werde bei der Lesung sicherlich das Kapitel aus der „Skala“ zum Besten geben. Das ist höchst unanständig, die Veranstaltung wird also nicht jugendfrei. Vielleicht lese ich noch aus dem Kapitel über die Fahrt mit Eddie Hoop nach Kiel. Dort haben wir uns „Endstation Sehnsucht“ angesehen.

Seit wann schreiben Sie an dem Werk?

Das ist mein Opus magnum, wie mein Verleger sagt. Das toppt alles, was ich bisher gemacht habe. Ich schreibe daran seit ein paar Jahren. Ich stehe um fünf auf, trinke eine Flasche Bier, schreibe ein paar Seiten, und gehe um sieben wieder ins Bett. Die Seiten am Morgen sind die besten, die ich bisher geschrieben habe. Ich hoffe, dass es das Buch in zwei bis drei Jahren zu kaufen gibt. Es hält mich zusammen. Ich will damit herausfinden, warum ich so ein Don Quijote geworden bin. Ich erde mich durch das Schreiben des Buches.

>Die Lesung mit Henning Boëtius im Rendsburger Nordkolleg beginnt am Sonntag, 31. Mai, um 18 Uhr. Einlass ist um 17.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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